Situationship: Mehr als Affäre, weniger als Beziehung
Ihr trefft euch seit Monaten. Ihr schlaft miteinander. Ihr habt euch der Familie nicht vorgestellt. Ihr sagt nicht „mein Freund” oder „meine Freundin”. Aber Single seid ihr auch nicht. Willkommen in der Situationship — dem unsicheren Zwischenzustand, der entweder kippt oder kostet.
Was eine Situationship ist
Eine Situationship ist eine romantische und meist auch sexuelle Verbindung zwischen zwei Menschen, die nicht klar definiert ist. Sie ist mehr als eine Affäre — es gibt regelmäßige Treffen, gemeinsame Erlebnisse, manchmal Emotionen, manchmal Pläne fürs Wochenende. Sie ist weniger als eine Beziehung — kein offizieller Status, kein „wir”, oft kein Gespräch darüber, wo das hingehen soll.
Der Begriff ist verhältnismäßig neu, das Phänomen nicht. Vor zwanzig Jahren hätte man „lockere Liaison” oder „etwas mit jemandem haben” gesagt. Was neu ist: dass es zunehmend zum Default geworden ist, vor allem in den ersten Wochen oder Monaten zwischen Anfang und „offiziell zusammen”.
Situationship, Freundschaft Plus, Affäre oder Kennenlernphase?
Diese vier Begriffe werden ständig durcheinandergeworfen, meinen aber verschiedene Dinge. Am schnellsten auseinanderhalten kannst du sie über vier Fragen: Wie verbindlich ist es? Ist es exklusiv? Steuert es auf eine Entscheidung zu? Und wie lange soll es überhaupt gehen?
| Merkmal | Situationship | Freundschaft Plus | Affäre | Kennenlernphase |
|---|---|---|---|---|
| Verbindlichkeit | Gering — regelmäßig, aber ohne Zusage | Gering — Ausgangspunkt ist die bestehende Freundschaft | Gering — meist als kurzes Verhältnis gemeint | Wächst — beide prüfen bewusst |
| Exklusivität | Ungeklärt — oft stillschweigend angenommen | In der Regel keine, die Freundschaft bleibt die Basis | In der Regel nicht vereinbart | Wird früher oder später zum Thema |
| Richtung | Offen — genau das ist der Kern des Problems | Bewusst keine | Keine — sie soll bleiben, was sie ist | Ja — sie steuert auf ein Ja oder Nein zu |
| Zeithorizont | Unbestimmt, endet oft ohne Schlusspunkt | Solange es für beide passt | Von vornherein als kurz gedacht | Begrenzt — sie soll enden, so oder so |
Bevor du die Tabelle für mehr hältst, als sie ist: Das ist eine redaktionelle Abgrenzung entlang des deutschen Alltagsgebrauchs, kein Forschungsbefund. Eine einheitliche wissenschaftliche Definition der Situationship gibt es bis heute nicht (Anderson und Phillips 2026). Und noch ein Hinweis zur Spalte „Affäre”: Damit ist hier schlicht ein kurzes Liebes- oder Sexualverhältnis gemeint — eine dritte Person gehört nicht zur Definition.
Die entscheidende Zeile ist Richtung. Freundschaft Plus und Affäre haben bewusst keine. Die Kennenlernphase hat eine und läuft auf eine Entscheidung zu. Nur die Situationship hat eine offene Richtung, über die niemand spricht. Genau daran arbeitet sich der ganze Rest dieses Textes ab.
Nachbarbegriffe findest du im Talking Stage (die Phase davor, oft noch vor dem ersten Date), bei der ONR (bewusst auf eine Nacht begrenzt) und in der offenen Beziehung (verbindlich, aber nicht exklusiv — das genaue Gegenteil einer Situationship).
Warum es so verbreitet ist
Drei Gründe, die in Untersuchungen immer wieder genannt werden:
- Die Auswahl-Logik der Apps. Wenn du theoretisch jeden Tag jemanden Neues kennenlernen könntest, fühlt es sich riskant an, sich festzulegen. Eine Situationship ist die Versicherung gegen das Festlegen.
- Die Angst vor Verletzung. Ohne klare Beziehung gibt es auch keine klare Trennung. Wenn es endet, war es ja „eh nichts”. Das ist eine Selbstschutz-Strategie — die zugleich verhindert, dass etwas Echtes entsteht.
- Karriere, Wohnort, Unsicherheit. Viele junge Erwachsene leben gerade in einer Lebensphase mit viel Wandel — Jobwechsel, Umzüge, ständige Veränderung. Beziehung bedeutet Festlegung. Situationship bedeutet Flexibilität.
Wie lange dauert eine Situationship?
Ehrliche Antwort: Das weiß niemand. Es gibt keine belastbare Durchschnittsdauer.
Eine qualitative Interviewstudie hat 14 junge Erwachsene zwischen 19 und 25 Jahren in Australien unter anderem nach ihrer längsten Situationship gefragt (Anderson und Phillips 2026). Aus 14 Antworten lässt sich kein Durchschnitt bilden. Und die große Übersichtsarbeit zu unverbindlichen sexuellen Kontakten hält für ihren eigenen Gegenstand nur fest, dass die Dauer stark schwankt — Situationships sind von dieser Forschung ohnehin nicht deckungsgleich erfasst.
Das ist kein Ausweichen, sondern schlicht der Stand: Systematisch erforscht ist der Begriff bis heute kaum, eine einheitliche Definition fehlt. Die Forschung ist jünger als das Phänomen.
Die bessere Frage ist deshalb nicht „wie lange”, sondern „in welche Richtung”. Woran du merkst, dass es zu lange dauert:
- Du weißt, wann ihr euch das nächste Mal seht — aber nicht mehr, wann ihr zuletzt über die Zukunft geredet habt.
- Du planst um die Person herum, aber du planst nichts mit ihr.
- Du hast einmal nachgefragt, die Antwort war ausweichend — und seitdem hast du es nicht wieder versucht.
- Deine Freundinnen und Freunde fragen nicht mehr nach ihr oder ihm.
- Du rechnest inzwischen in Wochen, wie lange du schon wartest.
Ein Satz, der dir die Antwort schneller gibt als jede Monatszahl: Wenn du dir vorstellst, dass es in sechs Monaten noch genau so ist wie heute — bist du dann erleichtert oder müde?
Was die Forschung zum Wohlbefinden hergibt — und was nicht
Zu Situationships selbst gibt es bisher kaum Gesundheitsforschung. Was es gibt, betrifft unverbindliche sexuelle Kontakte allgemein — in der Forschung ausdrücklich definiert als sexuelle Kontakte ohne Erwartung einer künftigen romantischen Beziehung. Situationships sind davon nicht deckungsgleich erfasst: Wer emotional investiert ist und auf mehr hofft, fällt gerade nicht in diese Kategorie. Die folgenden Befunde lassen sich deshalb nicht eins zu eins übertragen.
Eine Übersichtsarbeit über 71 Studien zu solchen Kontakten fand: Insgesamt bewerteten Menschen sie eher positiv als negativ. In den meisten Studien, die Veränderungen innerhalb eines Jahres betrachteten, ging die Beteiligung kurzfristig mit einer Verschlechterung des emotionalen Befindens einher; bei einem Beobachtungszeitraum von einem Jahr und länger fand sich kein solcher Zusammenhang (Wesche, Claxton und Waterman 2021). Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht ableiten, und die einbezogenen Studien beruhen überwiegend auf weißen, heterosexuellen College-Stichproben.
Auch die US-Erhebung unter 3.907 alleinstehenden, heterosexuellen College-Studierenden zwischen 18 und 25 Jahren (Bersamin et al. 2014) ist eine Momentaufnahme: Sie fand einen Zusammenhang zwischen Gelegenheitssex und geringerem Wohlbefinden, kann aber nicht zeigen, was davon Ursache und was Folge ist.
Wann sie funktioniert
Situationships sind nicht per se schlecht. Sie können funktionieren, wenn:
- Beide das Gleiche wollen — und das auch ausgesprochen haben.
- Es ein Ablaufdatum gibt, das beide kennen (z. B. Auslandssemester, klar befristeter Job).
- Niemand emotional darin verkümmert, sondern beide die Verbindung als bereichernd erleben.
Wichtig: Wenn das die Bedingungen sind, ist es eigentlich keine echte Situationship, sondern eine bewusst gewählte, klare Form von Beziehung mit anderen Regeln.
Ab wann seid ihr exklusiv?
Gar nicht — bis ihr es gesagt habt. Es gibt keinen Zeitpunkt, ab dem Exklusivität automatisch gilt: kein drittes Date, keine sechste Woche, keine Anzahl gemeinsamer Nächte. Exklusivität entsteht nicht durch Gewohnheit, sondern durch einen Satz.
Genau hier tut die Situationship weh. Eine explorative Studie, die den Begriff eigens zu definieren versucht hat, beschreibt Situationships als romantische Beziehungen ohne Klarheit und ohne Label, mit geringer Verbindlichkeit — aber mit ähnlich viel Zärtlichkeit, Sexualität und gemeinsamer Zeit wie bei festen Paaren (Langlais et al. 2024). Von außen wie von innen kann sich das anfühlen wie eine feste Beziehung. Über Exklusivität sagt die Studie nichts — und vereinbart ist sie damit auch nicht. Aus diesem Spalt entsteht fast der ganze Schmerz.
Was sich wie eine Absprache anfühlt, aber keine ist:
- „Wir schlafen ohne Kondom, also sind wir exklusiv.” Das ist eine Annahme mit gesundheitlichem Risiko, keine Vereinbarung. Über Verhütung und Tests zu reden ist ohnehin fällig — und ist gleichzeitig der natürlichste Einstieg ins Exklusivitäts-Gespräch.
- „Das Dating-Profil ist gelöscht.” Ein Hinweis, keine Zusage. Es gibt viele Gründe, ein Profil zu pausieren, und keiner davon wurde dir mitgeteilt.
- „Wir machen das seit vier Monaten, das ist doch klar.” Dauer schafft Gewohnheit, nicht Verbindlichkeit. Wer sich nicht festgelegt hat, hat sich nicht festgelegt.
Wie du es klärst: Frag nach der Vereinbarung, nicht nach den Gefühlen. Gefühle lassen sich wegdiskutieren, eine Absprache nicht. Ein Satz reicht:
„Ich date gerade niemanden sonst. Ich will wissen, ob das bei dir auch so ist — dann wüsste ich, woran ich bin.”
Das ist die kleine Schwester des DTR-Gesprächs: Du fragst noch nicht nach dem Label, nur nach den Fakten. Wer dir darauf keine klare Antwort gibt, hat sie dir gegeben.
Wann sie kippt
Problematisch wird es fast immer dann, wenn ein Mensch innerlich auf Beziehung umschaltet, der andere aber nicht. Die typischen Warnsignale:
- Du machst dich klein. Du bringst keine Themen mehr zur Sprache, weil du Angst hast, „zu viel” zu wollen.
- Du wartest auf Nachrichten. Statt zu leben, organisierst du dein Wochenende um die Möglichkeit, dass er/sie sich meldet.
- Du erklärst dir die Verbindung schön. „Er kann gerade einfach nicht mehr geben.” „Sie hat Bindungsangst, aber tief drinnen…”
- Du verlierst Klarheit, was du eigentlich willst. Statt zu wissen, was du suchst, fragst du dich, ob diese Verbindung „genug” sein kann.
Wenn die Person sich nach Wochen wieder meldet
Ein „Hey, wie geht es dir?” nach sechs Wochen Funkstille ist keine Rückkehr. Es ist eine Anfrage, ob der Platz noch frei ist. Zwei Muster stecken oft dahinter: Zombieing, wenn jemand nach komplettem Verschwinden wieder auftaucht, als wäre nichts gewesen — und Breadcrumbing, wenn in regelmäßigen Abständen genau so viel Aufmerksamkeit kommt, dass du nicht abschließen kannst.
Die Frage, die zählt: Kommt mit der Nachricht auch etwas Konkretes — ein Vorschlag, eine Erklärung, eine Aussage darüber, was die Person eigentlich will? Oder ist es nur ein Lebenszeichen?
Wenn du antworten willst, dann so:
„Schön, von dir zu hören. Ehrlich gesagt hat mich dein Verschwinden davor ziemlich beschäftigt. Wenn du wieder Kontakt willst, sag mir bitte gleich dazu, was du dir vorstellst.”
Und wenn du nicht antworten willst: Nicht zu antworten ist eine vollständige Antwort. Du schuldest niemandem eine Erklärung dafür, dass du dich nicht noch einmal in dieselbe Warteschleife stellst.
Falls ihr es doch noch einmal versucht, gibt es immerhin Hinweise darauf, was mit einem guten Verlauf einhergeht: In einer Folgeuntersuchung derselben Forschungsgruppe (10 Interviews und 109 Befragte) hingen Investition in die Verbindung, Gespräche über die Zukunft und die Priorität, die der Verbindung eingeräumt wurde, mit höherer Zufriedenheit und einem stärkeren Gefühl von Verbindlichkeit zusammen (Langlais et al. 2025). Ein Zusammenhang ist kein Beweis — aber alle drei Punkte brauchen ein Gegenüber, das mitmacht. Ein „Hey” um 23 Uhr ist keiner davon.
Was du tun kannst
Das einzige, was Situationships auflöst, ist eine echte Frage. Sie tut weh, aber sie funktioniert:
„Ich finde es schön mit dir. Aber ich brauche Klarheit, wo das hingeht. Willst du das auch — oder nicht?”
Du wirst eine von drei Antworten bekommen:
- Ja, ich will mit dir. Glückwunsch — ihr seid jetzt zusammen, oder zumindest auf dem Weg dorthin.
- Nein, das ist nicht das, was ich suche. Klar, ehrlich, schmerzhaft. Aber jetzt weißt du es und kannst weiterziehen.
- Eine ausweichende Antwort. „Lass uns nicht so schnell drüber reden.” „Ich weiß noch nicht.” — Das ist im Effekt die zweite Antwort. Wer dich will, sagt das.
Die Frage zu stellen, ist anstrengend. Das Nicht-Stellen kostet langfristig mehr.
Situationship beenden — und was du schreiben kannst
Das Schwierige am Beenden ist, dass es formal nichts zu beenden gibt. Es gab kein „wir”, also fühlt sich eine Trennung übertrieben an. Genau deshalb schleppen sich Situationships so lange: Niemand traut sich, einen Schlusspunkt zu setzen unter etwas, das offiziell nie angefangen hat.
Doch: Du darfst das beenden. Ohne Begründung, ohne Beweisführung, ohne dass vorher etwas Schlimmes passiert sein muss. „Ich will das nicht mehr” reicht vollständig aus. Hier sind Formulierungen für typische Lagen — nimm sie wörtlich oder bau sie um:
Du hast Gefühle, willst mehr — und bekommst es nicht.
„Ich mag dich wirklich, und genau deshalb kann ich so nicht weitermachen. Ich will eine Beziehung, du willst das gerade nicht — das ist okay, aber es passt nicht zusammen. Ich ziehe hier einen Schlussstrich, bevor ich anfange, dir das übelzunehmen. Ich melde mich erstmal nicht mehr.”
Es war schön, aber du bist raus — ohne großes Drama.
„Ich hatte eine gute Zeit mit dir. Ich merke aber, dass ich gerade etwas anderes suche, und will dich nicht hinhalten. Von meiner Seite war es das. Alles Gute für dich.”
Die Person taucht immer wieder ab.
„Du meldest dich seit Wochen nur sporadisch, und ich merke, wie sehr mich das runterzieht. Ich mache das nicht weiter mit. Kein Vorwurf — ich bin einfach raus.”
Du willst keine Diskussion, sondern einen Punkt.
„Ich beende das hier. Ich möchte darüber auch nicht diskutieren, die Entscheidung steht. Bitte respektier das.”
Ihr seht euch weiter — gleicher Freundeskreis, Kurs, Arbeit.
„Ich will das Romantische zwischen uns beenden. Wir sehen uns ja weiter, und von mir aus bleibt das entspannt — ich mache dir da nichts schwer. Ich schreibe dir nur abends nicht mehr.”
Du musst dabei keine Liste von Gründen liefern, nicht im Chat nachverhandeln und dich nicht für dein Tempo entschuldigen. Wenn eine Rückfrage kommt, die dich wieder in die Schleife zieht („Können wir nicht einfach so weitermachen?”), ist die einzige nötige Antwort: „Nein, für mich nicht.”
Und noch etwas, weil es kaum jemand ausspricht: Dass es kein Label hatte, macht den Schmerz nicht kleiner. In einer qualitativen Interviewstudie mit 14 jungen Erwachsenen in Australien (19 bis 25 Jahre) beschrieben die Befragten ihren Schmerz als zermürbend — und hatten zugleich das Gefühl, er zähle nicht, weil eine Situationship ja „keine richtige Beziehung” sei. Besonders belastend war es für diejenigen, die sich eine Weiterentwicklung erhofft hatten; die Auswirkungen auf Vertrauen und Bindungsfähigkeit hielten teils lange an (Anderson und Phillips 2026). Du musst dir nicht selbst beweisen, dass du traurig sein darfst.
Häufige Fragen zu Situationships
- Was ist eine Situationship?
- Eine Situationship ist eine romantische und meist sexuelle Verbindung, die nicht klar definiert ist — mehr als Affäre, weniger als Beziehung. Es gibt regelmäßige Treffen, oft Gefühle, aber keinen Status, kein „wir”, kein gemeinsames Wir-bauen. Der Begriff ist seit den späten 2010ern in Mode, das Phänomen ist älter.
- Wann ist eine Situationship okay?
- Wenn beide das Gleiche wollen und das ausgesprochen haben, wenn es ein bewusstes Ablaufdatum gibt (z. B. Auslandssemester), oder wenn beide die Verbindung als bereichernd erleben ohne emotional zu verkümmern. Wichtig: Wenn das die Bedingungen sind, ist es eigentlich keine echte Situationship, sondern eine bewusst gewählte, klare Form von Beziehung mit anderen Regeln.
- Wann wird eine Situationship gefährlich?
- Wenn ein Mensch innerlich auf Beziehung umschaltet und der andere nicht. Typische Warnsignale: du machst dich klein, wartest auf Nachrichten, erklärst dir die Verbindung schön, verlierst Klarheit darüber, was du eigentlich willst. Dann zahlt einer den Preis für die Unverbindlichkeit des anderen.
- Wie spreche ich eine Situationship an?
- Eine ehrliche Frage genügt: „Ich finde es schön mit dir. Aber ich brauche Klarheit, wo das hingeht. Willst du das auch — oder nicht?” Du bekommst eine von drei Antworten: ein klares Ja, ein klares Nein, oder eine ausweichende Antwort. Eine ausweichende Antwort ist im Effekt die zweite. Wer dich will, sagt das.
- Warum sind Situationships heute so verbreitet?
- Drei Gründe: Die Auswahl-Logik der Apps macht Festlegen riskant, weil theoretisch täglich jemand Neues kommen könnte. Die Angst vor Verletzung — ohne klare Beziehung gibt es auch keine klare Trennung. Und die Lebensphase vieler junger Erwachsener mit viel Wandel (Jobs, Umzüge), in der Festlegung unbequem wirkt.
- Ist eine Situationship dasselbe wie Freundschaft Plus?
- Nein. Bei Freundschaft Plus bleibt die Freundschaft die Basis und es wird bewusst kein Beziehungsziel verfolgt — das ist eine Abgrenzung aus dem Alltagsgebrauch, keine Forschungskategorie. Für die Situationship ist dagegen typisch, dass gerade nichts geklärt ist: Eine explorative Studie beschreibt sie als romantische Beziehung ohne Klarheit und ohne Label, mit geringer Verbindlichkeit (Langlais et al. 2024).
- Kann aus einer Situationship eine Beziehung werden?
- Ja, aber nicht von allein. In einer qualitativen Interviewstudie mit 14 jungen Erwachsenen nannten die Befragten unter anderem drei Punkte als wesentlich dafür, dass sich eine Situationship weiterentwickelt: emotionale Verfügbarkeit, Kommunikation und gegenseitige Verbindlichkeit (Anderson und Phillips 2026). In einer Folgeuntersuchung hingen Investition in die Verbindung, Gespräche über die Zukunft und die eingeräumte Priorität mit höherer Zufriedenheit und einem stärkeren Gefühl von Verbindlichkeit zusammen (Langlais et al. 2025). Das sind Zusammenhänge, kein Automatismus — und alle drei Punkte brauchen ein Gegenüber, das mitzieht.
- Hat man in einer Situationship Gefühle?
- Meistens ja. Eine explorative Studie, die den Begriff eigens definiert hat, kommt zu dem Schluss, dass Menschen in Situationships größtenteils emotional und sexuell investiert sind, auch wenn keine feste Bindung besteht. Unterschiede zu Verbindungen, die keine Situationship waren, zeigten sich bei der Beziehungsqualität — nicht bei Zärtlichkeit und Sexualität (Langlais et al. 2024). Genau das macht die Sache so verwirrend: Es fühlt sich an wie eine Beziehung — vereinbart ist aber keine.
- Wie lange dauert eine Situationship im Durchschnitt?
- Dazu gibt es keine belastbare Zahl. Eine qualitative Interviewstudie hat 14 junge Erwachsene zwischen 19 und 25 Jahren nach ihrer längsten Situationship gefragt (Anderson und Phillips 2026) — aus 14 Antworten lässt sich kein Durchschnitt bilden. Die hilfreichere Frage ist ohnehin nicht, wie lange es schon geht, sondern ob es sich in eine Richtung bewegt.
- Wie viele Menschen hatten schon eine Situationship?
- Belastbare Zahlen gibt es vor allem aus den USA: In einer gewichteten Online-Befragung vom Januar 2024 (YouGov, n = 1.110 US-Erwachsene ab 18 Jahren) gaben 39 Prozent aller Befragten an, schon einmal in einer Situationship gewesen zu sein, unter den 18- bis 34-Jährigen 50 Prozent. Für Deutschland existiert keine vergleichbare Lebenszeit-Zahl. Eine nach Alter und Geschlecht repräsentative Marktforschungsbefragung (Appinio, n = 1.000, Feldzeitpunkt nicht ausgewiesen) fand 1 Prozent, die aktuell eine Situationship führen — das misst den momentanen Beziehungsstatus und ist deshalb nicht mit der US-Zahl vergleichbar.
Quellen anzeigen
- Langlais, M. R., Podberesky, A., Toohey, L. & Lee, C. T. (2024). Defining and Describing Situationships: An Exploratory Investigation. Sexuality & Culture, 28(4), 1831–1857. DOI: 10.1007/s12119-024-10210-6 — explorative Definitionsstudie; 28 Interviews und Online-Befragung von 261 Personen.
- Langlais, M. R., Guzman, P., Toohey, L., Podberesky, A. & Lee, A. (2025). Are Situationships situational? A Mixed-Methods Study on the Motivations for Being in a Situationship. Sexuality & Culture, 29, 2945–2964. DOI: 10.1007/s12119-025-10402-8 — 10 Interviews und 109 Befragte; Investition, Zukunftsgespräche und Priorität hingen mit Zufriedenheit und Verbindlichkeit zusammen (Regressionsanalysen, keine Kausalaussage).
- Anderson, S. & Phillips, M. J. (2026). All the Feels, None of the Labels: Young Adults' Experiences of Situationships. Societies, 16(2), 42. DOI: 10.3390/soc16020042 — qualitative Interviewstudie mit 14 jungen Erwachsenen (19–25 Jahre, Australien); hält zugleich fest, dass es bislang keine einheitliche Definition gibt.
- YouGov (Shah, K., Januar 2024). Half of 18 to 34 aged Americans have been in a ‘situationship’. Online-Befragung vom 24.–25.01.2024, n = 1.110 US-Erwachsene ab 18 Jahren, gewichtet. yougov.com
- Appinio. Dating und Beziehungen in Deutschland. Studie 1: n = 1.000, national repräsentativ nach Alter und Geschlecht, Feldzeitpunkt nicht ausgewiesen; 1 Prozent führen aktuell eine Situationship (Momentaufnahme des Beziehungsstatus). appinio.com
- Wesche, R., Claxton, S. E. & Waterman, E. A. (2021). Emotional Outcomes of Casual Sexual Relationships and Experiences: A Systematic Review. The Journal of Sex Research, 58(8), 1069–1084. DOI: 10.1080/00224499.2020.1821163. Volltext frei: PMC8579856 — Übersicht über 71 Studien zu unverbindlichen sexuellen Kontakten; betrifft ausdrücklich Kontakte ohne Erwartung einer künftigen romantischen Beziehung und ist damit nicht deckungsgleich mit Situationships.
- Bersamin, M. M., Zamboanga, B. L., Schwartz, S. J. et al. (2014). Risky Business: Is There an Association between Casual Sex and Mental Health among Emerging Adults? The Journal of Sex Research, 51(1), 43–51. DOI: 10.1080/00224499.2013.772088 — n = 3.907 alleinstehende, heterosexuelle College-Studierende zwischen 18 und 25 Jahren; querschnittliche Erhebung, daher keine Aussage über Ursache und Wirkung.