Thirst Traps auf TikTok: Wenn ein Like zur Beziehungsprobe wird
Du liegst neben deinem Partner auf dem Sofa. Beide scrollt ihr durch TikTok. Auf seiner For-You-Page taucht eine leicht bekleidete Person auf. Auf deiner ein durchtrainierter Typ mit breiten Schultern. So weit, so Algorithmus – das kann kaum jemand verhindern. Aber was, wenn er oder sie das Video liked? Oder dem Account folgt?
Genau diese Frage hat ein Forschungsteam aus den USA jetzt empirisch untersucht – und die Ergebnisse zeigen: Der Unterschied zwischen passivem Zuschauen und aktivem Interagieren ist für Beziehungen größer, als viele vielleicht annehmen.
Die Studie: 65 Paare, eine Plattform, ein entscheidender Befund
Das Team um Alexandra E. Black, Postdoc-Forscherin an der Rutgers School of Public Health, befragte 65 Paare – also 130 Personen – in einem Online-Survey zu ihrem TikTok-Verhalten und dem ihrer Partner. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei 29 Jahren; die meisten identifizierten sich als heterosexuell.
Die Forschenden wollten verstehen, wie die Wahrnehmung des Partner-Verhaltens auf TikTok die Beziehungsqualität beeinflusst. Dazu unterschieden sie gezielt zwischen aktivem Engagement – Videos liken oder Accounts folgen – und passivem Konsum, bei dem Inhalte einfach durch die For-You-Page erscheinen.
Das eigentliche Problem ist nicht der Algorithmus
Das zentrale Ergebnis: Dass attraktive Personen auf der For-You-Page auftauchen, weil TikToks Algorithmus sie ausspielt, hängt allein nicht systematisch mit weniger Beziehungsvertrauen zusammen. Der Algorithmus als solcher ist hier nicht das Problem.
Anders sieht es aus, wenn jemand aktiv mit diesen Inhalten interagiert. Ausschlaggebend war dabei, was der Partner über sein eigenes Verhalten angab: Gab er selbst an, attraktive TikTok-Accounts zu liken oder ihnen zu folgen, ging das beim anderen mit weniger Vertrauen und geringerer Zufriedenheit einher. Die bloße Vermutung darüber, was der Partner auf TikTok tut, sagte die Beziehungsqualität dagegen nicht signifikant vorher – ein Befund, den Black selbst als überraschend bezeichnet.
„Was zählt, ist ein Partner, der von attraktiven TikTok-Alternativen tatsächlich nicht in Versuchung geführt wird – das schützt das Vertrauen", erklärt Black im Gespräch mit PsyPost. „Das gilt besonders dann, wenn die wahrgenommene Bindung des Partners wackeln könnte oder jemand Zweifel an dieser Bindung hat."
Wenn die Person im Feed ganz anders aussieht als man selbst
Besonders ausgeprägt war der Zusammenhang, wenn die attraktive Person auf TikTok als unähnlich zur eigenen Person wahrgenommen wurde – wenn der Partner also Accounts folgte oder Videos von Menschen likete, die körperlich ganz anders aussehen als man selbst.
Auch das bloße Anschauen von Personen, die einem selbst unähnlich sehen, hing in der Studie mit geringerer Zufriedenheit zusammen – selbst wenn kein Like vergeben wurde.
Die Forschenden erklären sich das laut PsyPost so: Ein sichtbar anderer „Typ" stellt die eigene Annahme darüber infrage, was der Partner eigentlich attraktiv findet. Genau diese körperliche Diskrepanz bringe neue Unsicherheiten in die Beziehung.
Was die Studie zeigt – und was sie nicht belegen kann
Klar ist, was die Studie nicht zeigt: Sie kann keine Kausalität nachweisen. TikTok-Likes verursachen nicht zwangsläufig Beziehungsprobleme – es besteht ein Zusammenhang, aber keine bewiesene Richtung. Auch die Stichprobengröße von 65 Paaren ist vergleichsweise klein, und die Daten stammen aus einem einmaligen Befragungszeitpunkt.
Was die Daten aber klar zeigen: Selbst kleine digitale Handlungen – ein Like, ein Follow – werden von Partnern als Signal wahrgenommen und können das Sicherheitsgefühl in einer Beziehung beeinflussen. Gespräche über digitale Grenzen im Paar sind demnach kein Zeichen von Eifersucht oder Kontrollbedürfnis, sondern von Bewusstsein für die Realität heutiger Beziehungsdynamiken.
Wer mehr darüber verstehen will, wie digitales Verhalten und Bindungsstile zusammenhängen, oder was hinter Orbiting steckt – also dem Beobachten einer Person auf Social Media ohne echten Kontakt aufzunehmen – findet auf heute-single.de tiefergehende Hintergründe.
Häufige Fragen
- Ist es Fremdgehen, wenn mein Partner auf TikTok attraktive Accounts liked?
- Die Studie definiert das nicht als Fremdgehen, zeigt aber einen klaren Zusammenhang: Aktives Liken und Folgen von Thirst Traps hängt mit weniger Vertrauen und Zufriedenheit zusammen – vor allem dann, wenn die Personen im Feed einem selbst äußerlich wenig ähnlich sehen. Was als Grenze gilt, entscheiden Paare individuell, am besten durch offene Kommunikation.
- Macht TikTok Beziehungen kaputt?
- Nicht automatisch. Die Studie zeigt Zusammenhänge, aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung. Dass attraktive Personen überhaupt in der For-You-Page auftauchen, hing für sich genommen nicht mit geringerem Vertrauen zusammen. Der deutlichere Zusammenhang zeigte sich bei aktivem Engagement – Liken und Folgen. Mit einer Ausnahme: Auch das bloße Anschauen von Personen, die einem selbst unähnlich sehen, war mit geringerer Zufriedenheit verbunden.
- Was sind Thirst Traps?
- Thirst Traps sind Fotos oder Videos, die bewusst so gestaltet sind, dass sie sexuelles Interesse wecken – meist durch leichte Bekleidung, betonte Körperformen oder provokante Posen. Auf TikTok kann der Algorithmus solche Inhalte auch Personen ausspielen, die ihnen nie aktiv gefolgt sind.
- Was hilft, wenn ich dem TikTok-Verhalten meines Partners misstraue?
- Die Studie fand einen Unterschied je nach wahrgenommener Bindung: Wer die Bindung des Partners als stark erlebte, bei dem hing dessen tatsächliches TikTok-Verhalten nicht signifikant mit dem Vertrauen zusammen. Wurde die Bindung dagegen als wacklig erlebt, wurde dieses Verhalten relevant. Paargespräche über digitale Grenzen – was ist für uns okay, was nicht – können helfen, Unsicherheiten zu klären, bevor sie wachsen.
Quellen anzeigen
Black, A. E., Sharabi, L. L., Cloonan, S., & Beesley, K. L. (2026). Is my partner watching thirst traps? Associations between perceptions of a partner's TikTok alternatives and relationship quality. Journal of Social and Personal Relationships. https://doi.org/10.1177/02654075261430780
Dolan, E. W. (2026, 14. April). New study links watching TikTok "thirst traps" to lower relationship trust and satisfaction. PsyPost. https://www.psypost.org/new-study-links-watching-tiktok-thirst-traps-to-lower-relationship-trust-and-satisfaction/
Gonzalez, D. (2026, 13. September). TikTok und Beziehungen: Warum Liken attraktiver Accounts zum Problem wird. 20 Minuten. https://www.20min.ch/story/neue-art-konkurrenz-diese-videos-koennen-in-beziehungen-zum-problem-werden-103632263