Taiwan-Studie: 29 Prozent hatten noch nie eine Beziehung — ein Muster, das bleibt

Fast jeder Dritte war noch nie in einer Beziehung — und das ändert sich auch im Alter kaum. Eine neue Studie aus Taiwan liefert unerwartete Zahlen, die weit über Asien hinausweisen.

Junge Frau sitzt allein auf einer Holzbank in einem sonnigen Waschsalon, Kaffeebecher neben sich, nachdenklicher Blick zum Fenster
Allein, aber nicht einsam — oder doch? Die Taiwan-Studie stellt gewohnte Annahmen auf den Kopf. Foto: KI generiert

Auf einen Blick:

  • Die taiwanesische Panel Study of Family Dynamics (n=1.712) zeigt: 28,9 % aller unverheirateten Erwachsenen hatten noch nie eine Beziehung
  • Das Phänomen ist altersunabhängig — von 27-Jährigen bis über 52-Jährigen bleibt der Anteil nahezu gleich
  • Kaum Geschlechtsunterschied: 28,26 % Männer, 30,11 % Frauen
  • Japan-Vergleich: Unter unverheirateten Männern in ihren Zwanzigern hatten rund 40 % noch nie ein Date (Weißbuch des japanischen Kabinettsbüros, 2022)
  • Die Gründe sind vielfältig — von Bildungsdruck bis digitalen Alternativen

Zum chinesischen Valentinstag, dem Qixi-Fest am 19. August, veröffentlichte das Academia Sinica in Taiwan Zahlen, die überraschen: Fast drei von zehn unverheirateten Erwachsenen waren nach eigener Auskunft noch nie in einer romantischen Beziehung. Nicht als Teenager, nicht im Studium, nicht danach.

Was klingt wie ein Ausreißer, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als stabiles Muster — über Altersgruppen, Geschlechter und Jahrzehnte hinweg.

Was die Studie gemessen hat

Die 2024er Welle der Panel Study of Family Dynamics läuft seit 1999 und gilt als wichtigste Langzeitstudie zur Familienentwicklung in Taiwan. Geleitet wird sie von Yu Ruoh-rong vom Academia Sinica, gefördert durch den National Science and Technology Council.

Für die aktuelle Auswertung zu Beziehungserfahrungen wurden 1.712 nie verheiratete Erwachsene befragt. Das Ergebnis:

  • 30,32 % sind gerade in einer Beziehung
  • 40,78 % sind Single, hatten aber früher eine Beziehung
  • 28,9 % waren noch nie in einer Beziehung

Auf den ersten Blick wirken fast 29 Prozent schon hoch. Was die Zahlen noch bemerkenswerter macht: Sie gelten quer durch die Altersgruppen.

Kein Jugendphänomen — das Muster bleibt stabil

Wenn fast jeder Dritte ledig und noch nie in einer Beziehung war, könnte man vermuten, dass es sich vor allem um junge Menschen handelt, die noch Zeit haben. Die Studie zeigt: Das stimmt nicht.

Altersgruppe Anteil ohne Beziehungserfahrung
27–31 Jahre 30,1 %
32–36 Jahre 27,8 %
37–41 Jahre 27,7 %
42–46 Jahre 29,2 %
47–51 Jahre 30,8 %
52+ Jahre 28,6 %

Der Anteil schwankt zwischen 27 und 31 Prozent — und bleibt damit über alle Lebensabschnitte bemerkenswert konstant. Wer mit 30 noch keine Beziehungserfahrung hat, hat sie statistisch gesehen oft auch mit 50 noch nicht.

Interessant: Beim Anteil derer, die aktuell in einer Beziehung sind, zeigt sich das Gegenteil. Unter den 27- bis 31-Jährigen sind 44,3 Prozent in einer Beziehung — bei den über 52-Jährigen sind es nur noch 8,9 Prozent. Wer also Beziehungen führt, tut das offenbar eher früh im Leben. Wer es nicht tut, ändert das selten.

Kaum Unterschied zwischen Männern und Frauen

Überraschend ist auch die Geschlechterverteilung — sie fällt nahezu symmetrisch aus: 28,26 Prozent der Männer und 30,11 Prozent der Frauen gaben an, noch nie in einer Beziehung gewesen zu sein. Beide Gruppen trennt weniger als zwei Prozentpunkte.

Das widerspricht einem häufigen Klischee, wonach vor allem Männer beziehungslos bleiben — jedenfalls für diesen Datensatz.

Der Japan-Vergleich macht es noch deutlicher

Taiwan steht in einer Region, in der ähnliche Trends sichtbar sind. In Japan zeigt das Weißbuch zur Gleichstellung der Geschlechter 2022 des japanischen Kabinettsbüros ein ähnliches Bild: Rund 40 Prozent der unverheirateten Männer in ihren Zwanzigern (exakt 39,8 Prozent) gaben in der zugrunde liegenden Befragung von 2021 an, noch nie ein Date gehabt zu haben.

Diese Zahlen werden dort seit Jahren politisch diskutiert, weil sie mit sinkenden Geburtenraten zusammenfallen. Taiwan steht vor denselben demografischen Herausforderungen.

Was erklärt dieses Muster?

Die Studie misst das Phänomen, erklärt es aber nicht vollständig. Soziologische Analysen aus dem ostasiatischen Raum nennen typischerweise mehrere Faktoren:

Bildungsdruck in der Jugend. In vielen asiatischen Gesellschaften gilt Schulerfolg als Priorität, die Beziehungen nachrangig macht. Wer mit 15 keinen Partner kennenlernt, bekommt diese Gewohnheit oft nicht mehr.

Hohe Partnerschaftserwartungen. Je länger jemand Single bleibt, desto höher werden häufig die Anforderungen an eine potenzielle Beziehung — ein Mechanismus, den die Singleangst-Studie 2026 auch für den deutschen Kontext beschreibt.

Digitale Alternativen. Soziale Bedürfnisse werden heute über Social Media, Gaming, Fangemeinschaften und — zunehmend — KI-Begleiter befriedigt. Der Bericht zur KI-Begleiter-Nutzung zeigt, wie stärker Menschen echte soziale Kontakte durch digitale ersetzen.

Selbstverstärkender Effekt. Wer nie in einer Beziehung war, hat oft auch keine sozialen Skripte für das Kennenlernen — was neue Beziehungsversuche schwieriger macht.

Was bedeutet das jenseits von Taiwan?

Die Studie bezieht sich explizit auf Taiwan — eine direkte Übertragung auf Deutschland wäre wissenschaftlich unzulässig. Vergleichbare Erhebungen fehlen hier.

Was sich sagen lässt: Der FReDA-Policy-Brief des BiB vom Juli 2026 zeigt, dass in Deutschland rund jeder fünfte Mensch im erwerbsfähigen Alter Single ist. Und die Generation-Z-Studie zur Einsamkeit belegte: Junge Erwachsene in Deutschland haben signifikant weniger erste Dates als frühere Generationen.

Ob der taiwanesische Befund von fast 29 Prozent ohne Beziehungserfahrung hierzulande ähnlich aussehen würde? Niemand weiß es, weil niemand die Frage systematisch gestellt hat.

Das wäre vielleicht das eigentliche Ergebnis dieser Studie: dass es eine Lücke in unserem Wissen gibt — und dass das Phänomen groß genug sein könnte, um sie zu schließen.

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Häufige Fragen

Wie viele Menschen hatten noch nie eine Beziehung?
Laut der taiwanesischen Panel Study of Family Dynamics (Academia Sinica, 2024) gaben 28,9 Prozent aller unverheirateten Befragten an, noch nie in einer romantischen Beziehung gewesen zu sein. Die Stichprobe umfasste 1.712 nie verheiratete Erwachsene.
Ist es normal, noch nie in einer Beziehung gewesen zu sein?
Die Studie zeigt, dass es weit verbreitet ist. Fast jeder dritte unverheiratete Erwachsene in Taiwan hatte noch keine Beziehungserfahrung — und dieser Anteil blieb über alle Altersgruppen von 27 bis 52+ Jahren erstaunlich stabil. Es handelt sich also nicht um ein rein jugendliches Phänomen.
Warum hatten viele Menschen noch nie eine Beziehung?
Die Studie selbst misst das Phänomen, erklärt es aber nicht. Soziologische Analysen aus dem ostasiatischen Raum nennen typischerweise mehrere Faktoren: gesellschaftlicher Druck, sich in der Jugend auf Bildung zu konzentrieren, hohe Erwartungen an potenzielle Partner, ein breites Freizeitangebot als Alternative sowie zunehmend digitale Sozialkontakte. Eine universelle Erklärung gibt es nicht.
Gilt das auch für Deutschland?
Die Studie bezieht sich auf Taiwan. Direkt vergleichbare deutsche Zahlen existieren nicht, aber der FReDA-Policy-Brief des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Juli 2026) zeigt: In Deutschland ist rund jeder fünfte Mensch im erwerbsfähigen Alter Single. Wie viele davon nie in einer Beziehung waren, ist nicht erfasst.
Unterscheiden sich Männer und Frauen dabei?
Kaum. 28,26 Prozent der Männer und 30,11 Prozent der Frauen in der Studie gaben an, noch nie in einer Beziehung gewesen zu sein. Der Unterschied ist statistisch minimal.