Warum Individualismus Singles schafft: Studie mit 71.169 Menschen aus 59 Ländern
Eine PLOS-ONE-Studie zeigt: Ob jemand single ist, hängt nicht nur von Alter oder Einkommen ab — entscheidend ist auch, wie individualistisch die Gesellschaft ist. Für Deutschland hat das konkrete Konsequenzen.
Auf einen Blick: Eine Studie mit 71.169 Befragten aus 59 Ländern (PLOS One, Kowal & Adamczyk, 2025) zeigt: Ob jemand single bleibt, hängt nicht allein von Alter, Bildung oder persönlicher Entscheidung ab. Entscheidend ist auch, wie individualistisch die Gesellschaft ist. In Ländern wie Deutschland verschärft wirtschaftliche Unsicherheit den Single-Status deutlich stärker als in kollektivistischen Kulturen.
Warum bleibt jemand single? Die Standardantworten kennt man: zu wählerisch, zu viel Arbeit, die falsche App. Aber eine neue internationale Studie legt nahe, dass der kulturelle Rahmen mindestens genauso viel erklärt wie die eigene Biografie.
Forscherinnen der Universität Wrocław und der Adam-Mickiewicz-Universität haben ausgewertet, wie persönliche Faktoren und landesweite Kulturwerte gemeinsam beeinflussen, wer single ist und wer nicht. Das Ergebnis ist relevant für alle, die in einer westlichen Gesellschaft leben — und sich manchmal fragen, warum es mit dem Kennenlernen so zäh ist.
Was hat die Studie untersucht?
Marta Kowal und Katarzyna Adamczyk analysierten Daten aus dem World Values Survey (Erhebungszeitraum 2017–2021): 71.169 Personen aus 59 Ländern, befragt in Heiminterviews. Beziehungsstatus wurde klar definiert: „Partnered" bedeutete verheiratet oder in fester Lebensgemeinschaft, „single" bedeutete ledig und nie verheiratet. Geschiedene, Getrennte und Verwitwete wurden in der Hauptanalyse bewusst ausgeschlossen — eine ergänzende Auswertung inklusive dieser Gruppen lieferte identische Muster.
Das methodische Herzstück: ein Multilevel-Modell, das gleichzeitig die individuelle Ebene (Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildung, Wohnortgröße, Beschäftigung) und die Landesebene (Kulturwerte nach dem Minkov-Hofstede-Modell) berücksichtigt. So lässt sich messen, ob nationale Kulturtrends die Wirkung persönlicher Merkmale auf den Beziehungsstatus verstärken oder abschwächen.
Die persönlichen Faktoren: Was überall gilt
Über alle 59 Länder hinweg zeigten sich im Schnitt dieselben Grundmuster — mit je nach Kulturkontext sehr unterschiedlicher Stärke. Jüngere Menschen waren häufiger single — plausibel, da die Partnersuche Zeit braucht. Männer waren häufiger single als Frauen, was die Forscherinnen auf stärkeren sozialen Druck auf Frauen zurückführen, einen Partner zu finden und zu heiraten. Großstädter waren häufiger single als Menschen in kleineren Orten, wo traditionelle Familienvorstellungen oft mehr Gewicht haben.
Auch höhere Bildung war mit Single-Sein assoziiert — vermutlich weil längere Ausbildungszeiten den Berufseinstieg und damit den Zeitpunkt für Familiengründung nach hinten verschieben. Und: Geringeres Einkommen sowie Arbeitslosigkeit gingen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einher, single zu sein. Wer wirtschaftlich unsicher ist, scheint seltener eine ernsthafte Partnerschaft einzugehen oder aufrechtzuerhalten.
Diese Befunde decken sich mit dem, was die Sozialforschung bereits weiß. Sie zeigen: Single-Sein ist kein rein persönliches Schicksal. Strukturelle Faktoren spielen eine erhebliche Rolle — gerade warum Menschen über lange Zeiträume single bleiben, ist komplex und hat mit mehr als dem persönlichen Profil zu tun.
Der Kultureffekt: Individualismus macht den Unterschied
Über die demografischen Grundmuster hinaus zeigt die Studie: In hoch individualistischen Ländern sind Menschen häufiger single — unabhängig von ihrem persönlichen Profil.
Der Grund liegt nahe: Individualistische Kulturen betonen persönliche Freiheit und Selbstständigkeit. Ein Single-Leben lässt sich dort leichter als legitimer Lebensstil wählen, ohne den sozialen Druck, der in kollektivistischen Gesellschaften auf Unverheiratete wirkt. In Ländern mit stärker kollektivistischen Normen — wo Tradition, Familienloyalität und soziale Regeln mehr Gewicht haben — ist der Weg zum Alleinleben kulturell schwieriger.
Deutschland gilt nach dem Hofstede-Modell als vergleichsweise individualistische Gesellschaft. Die Rahmenbedingungen, die Single-Sein erleichtern, sind hierzulande strukturell vorhanden. Ob das gut oder schlecht ist, hängt davon ab, ob das Single-Sein gewählt oder ungewollt ist — ein Unterschied, den die Studie methodisch nicht trennt.
Der zweite Kultureffekt: Monumentalismus
Die Studie findet außerdem: In monumentalistischen Kulturen — Gesellschaften, die Authentizität, unmittelbare Wünsche und ein unveränderliches Selbstbild betonen — sind Menschen ebenfalls häufiger single. Die Erklärung der Forscherinnen: Monumentalistische Kulturen fördern kurzfristiges Denken und das Ausleben von Impulsen. Dating kann dort stärker als kurzfristiger Modus funktionieren, während der Schritt zu einer langfristigen Partnerschaft weniger naheliegend wirkt.
Die entscheidenden Wechselwirkungen
Das Herzstück der Studie sind die Interaktionseffekte — die Stellen, an denen Kultur und persönliche Faktoren zusammenspielen:
Einkommen × Individualismus: In hoch individualistischen Ländern ist der Zusammenhang zwischen niedrigem Einkommen oder Arbeitslosigkeit und Single-Sein deutlich stärker als in weniger individualistischen Kulturen. Der Hintergrund: Individualistische Gesellschaften erwarten, dass Menschen finanzielle Eigenständigkeit erreichen, bevor sie eine Familie gründen. Wer diese Hürde nicht nimmt, bleibt in solchen Kulturen häufiger und länger single.
Männliches Geschlecht × Individualismus: Auch die Kopplung zwischen männlichem Geschlecht und Single-Sein ist in individualistischen Nationen ausgeprägter. Die Unabhängigkeitsnorm trifft Männer dort besonders: Selbstständigkeit gilt als Voraussetzung, nicht als Bonus.
Höheres Alter × Monumentalismus: In monumentalistischen Ländern ist älteres Alter stärker mit Single-Sein assoziiert als in flexibleren Kulturen. Die Forscherinnen deuten das als Zeichen, dass ältere Menschen in solchen Gesellschaften zunehmend nach eigenen Maßstäben leben — und sich sozialem Konformitätsdruck weniger beugen.
Diese Interaktionen machen deutlich: Nicht der kulturelle Kontext allein entscheidet, und nicht der persönliche Faktor allein. Die Kombination beider Ebenen erklärt, warum ähnliche Menschen in unterschiedlichen Gesellschaften unterschiedlich oft single sind. Die Autorinnen stufen die meisten dieser Kultur-Interaktionen — mit Ausnahme derer mit dem Alter — allerdings als klein ein.
Was bedeutet das für Deutschland?
Für Singles in der deutschsprachigen Welt hat die Studie einen konkreten Subtext: Wer mit wirtschaftlicher Unsicherheit kämpft, kämpft hier gegen einen stärkeren Gegenwind als anderswo. Die kulturell tief verankerte Erwartung, finanziell stabil zu sein, bevor man sich ernsthaft bindet, ist real messbar — und betrifft Männer laut Studie stärker als Frauen.
Das spiegelt sich auch im aktuellen BiB-Bericht zu Singles in Deutschland wider: Immer mehr Menschen im erwerbsfähigen Alter leben allein. Die internationale Studie liefert dafür einen kulturellen Erklärungsrahmen, der über individuelle Wahl oder Unvermögen hinausgeht.
Die Studie hat klare Grenzen: Die Daten sind observational — Kausalität lässt sich nicht direkt ableiten. Geringes Einkommen kann Ursache von Single-Sein sein, aber umgekehrt kann das Alleinleben auch andere finanzielle Verläufe begünstigen. Und die Gruppe der „Singles" ist heterogen: Menschen, die das Alleinleben bewusst wählen, und Menschen, die unfreiwillig single sind, werden zusammengefasst. Für präzisere Antworten wären Längsschnittstudien nötig.
Trotzdem: Beziehungsstatus ist kein rein persönliches Schicksal. Er wird mitgeformt von dem, was die Gesellschaft als Voraussetzung für eine ernsthafte Partnerschaft definiert — und das ist eine Einsicht, die das eigene Erleben entlasten kann.
Häufige Fragen
- Was hat die Studie konkret untersucht?
- Kowal und Adamczyk analysierten Daten von 71.169 Personen aus 59 Ländern (World Values Survey, 2017–2021) mit einem Multilevel-Modell. Sie wollten wissen, wie persönliche Faktoren wie Alter, Einkommen und Geschlecht mit kulturellen Werten eines Landes zusammenwirken — und ob diese Interaktion erklärt, warum ähnliche Menschen in verschiedenen Ländern unterschiedlich oft single sind.
- Welche persönlichen Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, single zu sein?
- Laut der Studie: jüngeres Alter, männliches Geschlecht, Leben in einer größeren Stadt, höherer Bildungsgrad, geringeres Einkommen und Arbeitslosigkeit. Diese Faktoren zeigten sich im Durchschnitt über alle 59 untersuchten Länder hinweg — mit unterschiedlicher Stärke je nach Kulturkontext.
- Was ist das Minkov-Hofstede-Modell?
- Das Minkov-Hofstede-Modell unterscheidet Kulturen auf zwei Achsen: Individualismus vs. Kollektivismus und Flexibilität vs. Monumentalismus. Individualistische Kulturen betonen persönliche Freiheit und Unabhängigkeit. Kollektivistische setzen auf Tradition und Gruppenloyalität. Flexible Kulturen (oft Ostasien) schätzen Anpassungsfähigkeit und Langzeitziele. Monumentalistische Kulturen priorisieren Authentizität und unmittelbare Wünsche.
- Warum sind Männer in individualistischen Ländern besonders häufig single?
- Die Forscherinnen vermuten, dass individualistische Kulturen die Unabhängigkeitsnorm besonders stark betonen. Von Männern wird erwartet, zunächst finanziell eigenständig zu sein, bevor eine Partnerschaft infrage kommt. Wer diese Eigenständigkeit noch nicht erreicht hat, bleibt in solchen Kulturen häufiger und länger single.
- Was bedeutet das konkret für Deutschland?
- Die Studie weist Deutschland nicht einzeln aus, aber es gehört zum Sample und gilt nach dem Hofstede-Modell als vergleichsweise individualistisch. Überträgt man den Interaktionsbefund, heißt das: Der Zusammenhang zwischen niedrigem Einkommen, Arbeitslosigkeit und Single-Sein dürfte hierzulande stärker ausgeprägt sein als in kollektivistischen Ländern.
Quellen anzeigen
- Kowal, M. & Adamczyk, K. (2025). Sociodemographic and cultural factors are related to singlehood rates: A multilevel analysis across 59 countries from the World Values Survey. PLOS ONE. doi.org/10.1371/journal.pone.0335416
- Petrova, K. (2026, 25. August). Individualism and income appear to shape relationship status across 59 countries. PsyPost. psypost.org