Studie mit 204.907 Menschen: Wer mit seinen Freundschaften zufrieden ist, ist gesünder
Es gibt einen Gedanken, der beim Alleinsein manchmal auftaucht: Fehlt mir etwas, weil ich keine Partnerschaft habe? Eine neue Großstudie gibt darauf eine differenziertere Antwort als erwartet.
Nicht die romantische Beziehung allein ist der entscheidende Gesundheitsfaktor – sondern die Qualität aller sozialen Bindungen. Und beim Thema Freundschaft ist der Effekt besonders deutlich.
Was die Studie untersuchte
Dr. Veli Durmuş von der Kütahya Health Sciences University in der Türkei hat im Journal of Mental Health eine der umfangreichsten Studien zur Rolle sozialer Beziehungen und Gesundheit veröffentlicht. Er analysierte Daten von 204.907 Erwachsenen ab 18 Jahren aus 22 Ländern – darunter Deutschland, USA, Großbritannien, Brasilien, Japan, Indien, Nigeria, Ägypten, Indonesien und weitere.
Die Daten stammen aus der Global Flourishing Study (GFS), einem internationalen Forschungsprojekt, das untersucht, welche Faktoren Menschen dabei helfen, wirklich aufzublühen. Für diese Auswertung nutzte Durmuş die erste Phase der GFS, um kulturelle und religiöse Vielfalt sicherzustellen. Die GFS deckt Europa, Amerika, Asien, Ozeanien, den Nahen Osten und Afrika ab.
Die Teilnehmer:innen wurden gefragt, wie zufrieden sie mit ihren Freundschaften und sozialen Beziehungen sind, wie gut ihre Beziehungen zu Mutter und Vater in der Kindheit waren, und wie sie ihre aktuelle psychische und körperliche Gesundheit einschätzen – von „schlecht" bis „ausgezeichnet". Einkommen, Bildung und weitere Faktoren wurden kontrolliert.
Was die Studie zeigt
Das Ergebnis ist eindeutig: Wer mit seinen Freundschaften und sozialen Beziehungen zufrieden ist, berichtet häufiger von ausgezeichneter körperlicher und psychischer Gesundheit.
Der mögliche Mechanismus dahinter ist aus der bisherigen Forschung bekannt: Soziale Beziehungen puffern Stress ab, stärken das Selbstwertgefühl und helfen, Emotionen zu regulieren. Gemessen hat Durmuş das nicht – seine Studie zeigt den Zusammenhang selbst, dafür auf einer bislang einzigartigen Datenbasis: kulturübergreifend und auf mehreren Kontinenten gleichzeitig.
Auch positive Kindheitserfahrungen mit den Eltern waren mit besserer Gesundheit verbunden – der Zusammenhang fiel aber schwächer aus als der mit aktuellen Freundschaften. Die Beziehungen, die wir als Erwachsene aktiv gestalten, fallen also stärker ins Gewicht – ohne dass die Kindheit dadurch bedeutungslos würde.
„Freundschaften, Partnerschaften und andere Beziehungen können den Einfluss früherer Erfahrungen verstärken oder verändern", sagt Durmuş. Das soziale Umfeld eines Menschen entwickelt sich weiter – und damit auch das, was es für die Gesundheit leisten kann.
Was das für Singles bedeutet
Für Menschen ohne romantische Partnerschaft ist dieser Befund konkret relevant. Die Studie erhebt Freundschaftszufriedenheit als eigenen Punkt – nicht als Ersatzgröße für eine Beziehung.
Verheiratet sein war in der Durmuş-Studie ebenfalls mit besserer Gesundheit assoziiert, ebenso wie ausreichend Geld und eine Religionszugehörigkeit. Gegeneinander gestellt werden Partnerschaft und Freundschaft in der Studie nicht. Das deckt sich mit dem, was die Harvard Study of Adult Development über Jahrzehnte gezeigt hat: Es ist nicht die Art der Beziehung, die entscheidend ist, sondern ihre Qualität. Wer ein enges, tragfähiges soziales Netz hat – ob mit Freund:innen, Familie oder Partner:innen – lebt gesünder.
Wer als Single in seine Freundschaften investiert, tut damit konkret etwas für seine Gesundheit. Das ist keine Selbsttröstung – das sind Daten aus 22 Ländern.
Wo der Effekt am stärksten wirkt – und wo nicht
Die Unterschiede zwischen den Ländern sind bemerkenswert. Indonesien schnitt bei Freundschaftszufriedenheit am besten ab. Japan am schlechtesten.
Das überrascht kaum. Japan gilt als eine der einsamsten Gesellschaften weltweit – 2021 ernannte die Regierung erstmals einen Minister für Einsamkeit und Isolation und richtete im Kabinettsbüro eine eigene Koordinierungsstelle dafür ein. Eine aktuelle Studie aus Taiwan zeigt zudem: 28,9 Prozent aller unverheirateten Erwachsenen dort hatten noch nie eine romantische Beziehung – ein Befund, der sich mit dem Muster struktureller sozialer Vereinzelung in Teilen Ostasiens deckt.
Auffällig ist auch der Altersvergleich: Menschen Mitte 30 bis Ende 40 berichteten von niedrigerer psychischer Gesundheit als die 18- bis 34-Jährigen – also genau in dem Lebensjahrzehnt, in dem Karriere, Familiendruck und gesellschaftliche Erwartungen oft am lautesten werden. Ab 65 Jahren fielen die Werte wieder besser aus. Gründe nennt die Studie keine; naheliegend wäre, dass im Ruhestand Freundschaften wieder Raum gewinnen, der im mittleren Alter oft verloren geht.
Was die Studie nicht beweist
Durmuş betont ausdrücklich: Die Studie ist keine Kausalitätsstudie. Sie kann nicht zeigen, ob gute Freundschaften zu besserer Gesundheit führen – oder ob gesündere Menschen einfacher enge Freundschaften pflegen können. Beides ist möglich, wahrscheinlich beides wahr.
Die Daten beruhen auf Selbsteinschätzungen. Wie jemand seine Gesundheit und seine Freundschaften wahrnimmt, hängt auch von Stimmung, Kultur und Moment ab.
Trotzdem: Als globale Datenbasis – 22 Länder, alle Kontinente, religiös und kulturell divers – ist diese Studie außergewöhnlich breit. Dass sich das Muster über alle Weltregionen hinweg zeigt (bei durchaus deutlichen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern), gibt dem Befund ein anderes Gewicht als eine Einzelländer-Untersuchung.
Häufige Fragen
- Warum schützen Freundschaften laut der Studie die Gesundheit?
- Warum genau, kann die Studie nicht zeigen – sie misst einen Zusammenhang, keine Ursache. Aus der bisherigen Forschung ist bekannt, dass soziale Beziehungen Stress abpuffern, das Selbstwertgefühl stärken und beim Regulieren von Emotionen helfen. Dr. Durmuş fand: Wer mit seinen Freundschaften zufrieden ist, berichtet häufiger von ausgezeichneter körperlicher und psychischer Gesundheit – über 22 Länder hinweg.
- Ist eine Partnerschaft für die Gesundheit wichtiger als Freundschaften?
- Die Studie stellt beides nicht gegeneinander. Verheiratet zu sein war ebenfalls mit besserer Gesundheit assoziiert – ebenso wie ausreichend Geld und eine Religionszugehörigkeit. Freundschaften sind demnach kein Ersatz für eine Partnerschaft, aber auch keine zweite Wahl.
- In welchem Lebensalter ist die psychische Gesundheit am niedrigsten?
- Menschen zwischen Mitte 30 und Ende 40 berichteten von niedrigerer psychischer Gesundheit als die 18- bis 34-Jährigen. Ab 65 Jahren fielen die Werte wieder besser aus. Gründe nennt die Studie nicht – es handelt sich um einen Vergleich von Altersgruppen, nicht um einen Verlauf.
- Beweist die Studie, dass Freundschaften Gesundheit verursachen?
- Nein. Die Studie basiert auf Selbstangaben und kann keine Kausalität belegen. Es ist auch möglich, dass gesündere Menschen leichter Freundschaften pflegen können. Durmuş spricht bewusst von Assoziation, nicht von Ursache-Wirkung.
- Warum schneidet Japan bei Freundschaftszufriedenheit so schlecht ab?
- Die Studie liefert keine direkten Erklärungen. Japan gilt als eine der einsamsten Gesellschaften weltweit – die Regierung ernannte 2021 erstmals einen Minister für Einsamkeit und Isolation. Indonesien schnitt am besten ab.
Quellen anzeigen
- Durmuş, V. (2026). Do social and family relationships affect self-rated mental and physical health? Evidence from nationally representative samples across 22 countries. Journal of Mental Health. DOI: 10.1080/09638237.2026.2695973
- EurekAlert! / AAAS (13. August 2026). Fulfilling friendships boost health and wellbeing, further suggests a new global study. https://www.eurekalert.org/news-releases/1139626
- phys.org (August 2026). Fulfilling friendships linked to better health and wellbeing across 22 countries. https://phys.org/news/2026-08-fulfilling-friendships-linked-health-countries.html