Lügen in der Beziehung: Neue Studie zeigt, wann sie Vertrauen zerstören – und wann nicht
Lügen in der Partnerschaft sind kein Randphänomen. Aber was genau passiert dabei, welche Formen gibt es, und warum lügen Menschen überhaupt den Menschen, die ihnen am nächsten stehen? Rachele Mazzini, Psychologieforscherin an der Universität Kopenhagen, hat diese Fragen in zwei aufeinanderfolgenden Studien untersucht – und kommt zu Befunden, die klischeehafter Beziehungsratschläge widersprechen.
Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal Personal Relationships (DOI: 10.1111/pere.70028).
Was hat die Studie untersucht?
In der ersten Teilstudie schilderten 656 erwachsene US-Amerikanerinnen und -Amerikaner einen realen Moment der Unehrlichkeit gegenüber ihrer Partnerin oder ihrem Partner. Mazzini und ihr Team werteten diese Berichte aus und entwickelten daraus ein systematisches Framework: vier Formen, acht inhaltliche Themen, zwei häufige Muster und zwei Hauptmotive.
In einer zweiten Teilstudie führten 120 Paare aus fünf Ländern eine Woche lang tägliche Tagebücher – mit konkreten Angaben zu erlebter und eigener Unehrlichkeit. Die Ergebnisse dieser Tagebuchstudie ergänzen die Befunde der ersten Studie und geben einen direkteren Einblick in den Alltag.
Welche Formen und Themen tauchen auf?
Das Framework unterscheidet vier Formen von Unehrlichkeit: aktive Täuschung, gesprochene Lügen, das bewusste Zurückhalten von Informationen und Untreue. Inhaltlich kreisen die Fälle um acht Kernthemen: eigene Gefühle, die Vergangenheit oder Identität einer Person, Gesundheit, sexuelle Belange, eigene Fehler und Vergehen, Geld, den aktuellen Aufenthaltsort sowie andere Personen.
Diese Vielfalt ist laut Mazzini entscheidend: „Unehrlichkeit in Partnerschaften ist kein einheitliches Phänomen. Je nach Form und Inhalt entstehen sehr unterschiedliche Dynamiken." Wer alle Formen unter dem Begriff „Lüge" zusammenfasst, übersieht, dass das bewusste Verschweigen von Informationen andere Konsequenzen haben kann als eine direkte Lüge.
Was ist der Teufelskreis – und was der Slowburn?
Mazzini identifiziert zwei wiederkehrende Muster, die aus den Berichten der Teilnehmenden hervorgehen.
Das erste ist der Teufelskreis: Eine Lüge erfordert weitere Lügen, um die erste zu schützen. Das Vertrauen erodiert – oft auf beiden Seiten. Wer einmal gelogen hat, wird misstrauischer gegenüber dem Partner; der Partner spürt die Distanz und reagiert seinerseits mit Rückzug. „Unehrlichkeit führt häufig zu Zweifeln und Misstrauen", sagt Mazzini. „Beides ist der Klebstoff, der eine Beziehung zusammenhält – wenn er fehlt, gerät alles ins Wanken."
Das zweite Muster nennt Mazzini den Slowburn – den schleichenden Effekt. Teilnehmende berichten, dass die Unehrlichkeit ihnen anfangs ein Gefühl von Kontrolle oder sogar Aufregung gegeben habe. Über die Zeit entwickelten sich jedoch Scham und Schuldgefühle. Mazzini: „Die Teilnehmenden erzählten, dass sie sich zunächst aufgeregt gefühlt hatten – doch mit der Zeit entstanden Scham und Schuldgefühle." Ein Muster, das besonders bei Untreue und beim Verbergen von Vergangenheit beobachtet wird.
Warum lügen Paare überhaupt?
Die Motive lassen sich laut der Studie in zwei Gruppen einteilen. Die erste ist Selbstschutz: Menschen lügen, weil sie Konsequenzen fürchten – Streit, Kritik, den Verlust der Beziehung. Die zweite ist sogenannte prosoziale Unehrlichkeit: die bewusste Entscheidung, dem Partner etwas zu verschweigen oder schönzureden, um ihn zu schützen.
Das zweite Motiv ist vielschichtiger als es klingt. Wer seinem Partner nicht sagt, dass er den neuen Job des anderen für eine schlechte Idee hält, lügt technisch gesehen – aber möglicherweise, weil er Vertrauen in die Entscheidung des anderen zeigen will. Ob das sinnvoll ist, hängt vom Kontext ab. Die Studie bewertet es nicht als per se gut oder schlecht, sondern als eigene Kategorie mit eigenen Konsequenzen.
Was zeigt die Tagebuchstudie der 120 Paare?
Die 120 Paare aus fünf Ländern protokollierten eine Woche lang täglich, ob sie unehrlich gegenüber ihrer Partnerin oder ihrem Partner waren – und ob sie Unehrlichkeit wahrgenommen hatten. Das wichtigste Ergebnis: Unehrlichkeit trat an weniger als 20 Prozent der Tage auf. Sie ist also im Alltag seltener als viele vermuten würden.
Allerdings zeigt die Tagebuchstudie auch eine beunruhigende Dynamik: Paare, in deren Beziehung Unehrlichkeit bereits ein Thema war, nahmen auch dann mehr Täuschung wahr, wenn tatsächlich keine stattfand. Das erhöhte Misstrauen wirkt sich auf die Wahrnehmung aus – selbst ehrliches Verhalten wird anders interpretiert. Ein Befund, der mit dem Teufelskreis-Muster gut übereinstimmt.
Wann kann Unehrlichkeit zum Wendepunkt werden?
Das paradoxeste Ergebnis der Studie: Einige Paare beschrieben eine aufgedeckte Lüge als Auslöser von Wachstum. Nicht weil Lügen per se gut wäre – sondern weil die Konfrontation mit der eigenen oder der fremden Unehrlichkeit einen Gesprächsbedarf sichtbar machte, der vorher unter der Oberfläche lag.
Mazzini formuliert es vorsichtig: „Unehrlichkeit führt häufig zu Zweifeln und Misstrauen. Aber paradoxerweise hat Unehrlichkeit auch das Potenzial, eine Chance für Lernen und Wachstum zu werden." Dieses Potenzial liegt nicht in der Lüge selbst, sondern in dem, was danach folgt – ob Paare in der Lage sind, offen über das zu sprechen, was zugrunde lag.
Das ist kein Freifahrtschein. Aber es ist ein Befund, der widerlegt, dass jede Form von Unehrlichkeit zwingend zum Ende einer Beziehung führt. Ob sie das tut, hängt von Form, Kontext, Motiv und – vor allem – von der Reaktion danach ab.
Häufige Fragen
Was sind die vier Formen von Unehrlichkeit in Beziehungen laut der Studie? Rachele Mazzini unterscheidet aktive Täuschung, gesprochene Lügen, das bewusste Zurückhalten von Informationen und Untreue. Die vier Formen unterscheiden sich in ihren Konsequenzen erheblich – obwohl sie im Alltag oft unter dem Sammelbegriff „Lügen" zusammengefasst werden.
Wie häufig lügen Paare einander wirklich? Die Tagebuchstudie mit 120 Paaren aus fünf Ländern ergab, dass Unehrlichkeit an weniger als 20 Prozent der protokollierten Tage auftrat. Das klingt zunächst beruhigend – allerdings zeigt dieselbe Studie, dass einmal entstandenes Misstrauen die Wahrnehmung dauerhaft verzerrt.
Was ist prosoziale Unehrlichkeit? Als prosoziale Unehrlichkeit bezeichnen Forschende Lügen oder Verschweigen, die nicht dem eigenen Schutz, sondern dem Schutz des Partners dienen – etwa unangenehme Wahrheiten zurückhalten, um Schmerz zu vermeiden. Ob dieses Motiv die Konsequenzen mildert, ist laut der Studie vom Kontext abhängig.
Wann kann eine aufgedeckte Lüge eine Beziehung stärken? Mazzini berichtet, dass manche Paare eine aufgedeckte Unehrlichkeit als Wendepunkt beschrieben – als Moment, in dem verborgene Themen sichtbar und bearbeitbar wurden. Dieses Potenzial liegt aber nicht in der Lüge selbst, sondern darin, wie Paare danach miteinander umgehen.
Quellen anzeigen
Mazzini, R. (2025). Dishonesty in Romantic Relationships: A Framework of Forms, Content, Dominant Motives, and Consequences. Personal Relationships. doi.org/10.1111/pere.70028
University of Copenhagen (Juni 2026). New research has identified the types of dishonesty that occur in a relationship – and their consequences. news.ku.dk
Earth.com (29. Juni 2026). Dishonesty in relationships – why some lies may actually help. earth.com
smartup-news.de (30. Juni 2026). Lügen in der Beziehung – wann sie Paare trennen oder retten. smartup-news.de