Yale-Studie: Du bist beim Dating sympathischer, als du denkst
Du gehst vom Date nach Hause und fragst dich: Hat er oder sie mich eigentlich gemocht? Forschende aus Yale und Harvard haben eine klare Antwort – und die ist besser als du erwartest.
Auf einen Blick:
- Forschende aus Yale, Harvard und Cornell belegten 2018 den sogenannten Liking Gap: Wir unterschätzen nach Gesprächen systematisch, wie sehr wir dem Gegenüber gefallen haben.
- Der Effekt hielt auch Monate nach dem ersten Kennenlernen noch an.
- Eine 2024 erschienene Folgestudie bestätigte: Der Liking Gap gilt auch in Text-Chats, Audio- und Video-Gesprächen — also genau da, wo Online-Dating stattfindet.
- Praktische Konsequenz: Du wirkst beim Dating fast immer sympathischer, als du selbst denkst. Schreib die Nachricht. Ruf zurück. Frag noch einmal nach.
Kennt du das? Du kommst von einem Date nach Hause, liegst auf dem Sofa und gehst die letzten zwei Stunden im Kopf durch. War die Pause zu lang? War der Witz überhaupt witzig? Hat er oder sie überhaupt gelacht? Und dann, unausweichlich: Ich glaube nicht, dass ich einen guten Eindruck gemacht habe.
Die Forschung sagt: Du irrst dich fast immer.
Was der Liking Gap ist — und warum er uns alle trifft
Erica J. Boothby (Cornell), Gus Cooney (Harvard), Gillian M. Sandstrom (University of Essex) und Margaret S. Clark (Yale) veröffentlichten 2018 in der Fachzeitschrift Psychological Science einen Befund, der unkompliziert klingt und trotzdem sehr viel erklärt.
In mehreren Studien ließen sie Menschen miteinander sprechen — Fremde im Labor, Erstsemesterstudierende in Wohnheimen, Teilnehmende in Persönlichkeitsentwicklungs-Workshops. Danach sollten alle angeben: Wie sehr mag ich mein Gegenüber? Und wie sehr glaube ich, dass mein Gegenüber mich mag?
Das Ergebnis war konsistent: Menschen unterschätzten regelmäßig, wie sympathisch sie ihrem Gesprächspartner waren. Nicht um ein bisschen. Systematisch. Die Forschenden nannten das den Liking Gap — auf Deutsch etwa: die Sympathie-Lücke.
Was besonders interessant ist: Der Effekt ließ nicht nach. Bei Studierenden, die gemeinsam in einem Wohnheim einzogen, blieb die Lücke über mehrere Monate erhalten. Je länger sie sich kannten, desto mehr glichen sich die Einschätzungen an — aber der Bias war hartnäckig.
Warum wir uns nach einem Date so falsch einschätzen
Das hat einen simplen psychologischen Grund: unseren Negativitätsbias.
Während du im Gespräch bist — oder danach auf dem Sofa — klingst du in deinem eigenen Kopf deutlich kritischer, als dein Gegenüber über dich denkt. Du registrierst den Moment, in dem du zu laut gelacht hast. Du zählst die kurze Stille, die sich unangenehm anfühlte. Du fragst dich, ob deine Geschichte zu lang war.
Dein Date tut das nicht. Die andere Person ist damit beschäftigt, sich selbst zu beobachten.
Joe Navarro, ehemaliger FBI-Agent und Körpersprache-Experte, hat den Liking Gap für Psychology Today aufgegriffen: „Während wir unsere eigenen vermeintlichen Fehler scannen, genießt die andere Person oft einfach den Moment — ohne ihn so auseinanderzunehmen wie wir."
Außerdem schützen wir uns: Wer erwartet, nicht gemocht zu werden, ist weniger verletzt, wenn es so kommt. Unser Gehirn denkt, das ist schlaue Strategie. In der Realität ist es meist nur bremsendes Rauschen.
Online-Dating? Gilt genauso — das belegt die aktuelle Forschung
Man könnte jetzt denken: Okay, das war eine Labor-Studie mit echten Gesprächen. Im Online-Dating ist alles unpersönlicher, kürzer, abstrakter. Da kann ich mich vielleicht besser einschätzen?
Falsch gedacht.
Eine 2024 erschienene Folgestudie untersuchte genau das. Die Forschenden prüften den Liking Gap in Text-Chats, Audio-Gesprächen und Video-Calls — und verglichen ihn mit persönlichen Gesprächen. Das Ergebnis: kein signifikanter Unterschied. Der Liking Gap war in allen Kommunikationsformaten nachweisbar.
Das bedeutet konkret: Wenn du nach einem Hinge-Chat das Gefühl hast, du seist langweilig rübergekommen — die andere Person sieht das mit einiger Wahrscheinlichkeit anders. Wenn du dich nach einem Video-Call fragst, ob du zu nervös geklungen hast — dein Gegenüber hat das wahrscheinlich gar nicht so registriert.
Was das für dein Dating bedeutet
Ich frage mich manchmal, wie viele Matches nie zu echten Treffen werden, weil beide Seiten annehmen, die andere sei nicht wirklich interessiert.
Er denkt: „Die antwortet nur aus Höflichkeit." Sie denkt: „Der ist schon weitergelaufen, ich war bestimmt zu still." Und beide schreiben deshalb nicht mehr.
Der Liking Gap erklärt, warum das so häufig passiert. Und er erklärt, warum die erste Nachricht nach dem Date — das schüchterne „War schön heute, hättest du Lust auf ein zweites Treffen?" — fast immer besser aufgenommen wird, als du fürchtest.
Die Forschung zeigt auch etwas Hoffnungsvolles: Je öfter sich zwei Menschen begegnen, desto mehr gleichen sich die Einschätzungen an — der Bias nimmt ab, wenn echte Nähe entsteht. Das spricht für das, was viele Forschende zum frühen Treffen sagen: Lieber früh und real treffen als wochenlang in einen Chat-Tunnel abtauchen, von dem man überanalytisch nicht mehr herausfindet.
Was du ab heute anders machen kannst
Den Liking Gap wirst du nicht abschalten — kein Mensch schafft das. Aber du kannst ihn kennen. Und damit aktiver umgehen.
Konkret:
- Du zweifelst nach einem Date daran, ob es gut lief? Das Gefühl ist fast immer schlechter als die Realität. Schreib die Nachricht.
- Du überlegst, ob du jemanden in einer App anschreiben sollst? Der Liking Gap macht die andere Person zugänglicher, als du annimmst.
- Du hörst nach dem ersten Date nichts und nimmst an, du warst zu langweilig? Das ist möglicherweise der Liking Gap — von beiden Seiten gleichzeitig.
- Du ziehst dich nach einem Chat zurück, weil du glaubst, nicht interessant genug zu sein? Genau das sagt die Studie: Dein Gegenüber hat dich wahrscheinlich mehr gemocht, als du weißt.
Das ist kein Aufruf zu blindem Optimismus. Du solltest die Signale lesen, die wirklich da sind — wenn jemand konsequent nicht antwortet oder klare Desinteresse-Signale gibt, ist das real. Aber das diffuse Bauchgefühl nach einem eigentlich guten Gespräch, das dir sagt, du warst nicht gut genug? Das ist der Liking Gap. Nicht die Wahrheit.
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Quellen anzeigen
Boothby, E. J., Cooney, G., Sandstrom, G. M., & Clark, M. S. (2018). The Liking Gap in Conversations: Do People Like Us More Than We Think? Psychological Science, 29(11), 1742–1756. https://doi.org/10.1177/0956797618783714
Folgestudie (2024): The liking gap online: People like us more than we think. Current Research in Ecological and Social Psychology (Elsevier). https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S245195882400215X
Navarro, J. (2025, 28. Juli). Why People Probably Like You More Than You Think. Psychology Today. https://www.psychologytoday.com/us/blog/spycatcher/202507/you-are-more-likable-than-you-think
Häufige Fragen
- Was ist der Liking Gap?
- Der Liking Gap (deutsch etwa Sympathie-Lücke) beschreibt den Effekt, dass wir nach sozialen Interaktionen systematisch unterschätzen, wie sympathisch wir dem Gegenüber waren. Forschende aus Yale, Harvard und Cornell belegten ihn 2018 in mehreren Studien — er trat bei Fremden im Labor, bei Studierenden im Wohnheim und in Workshop-Gruppen auf.
- Gilt der Liking Gap auch beim Online-Dating?
- Ja. Eine 2024 veröffentlichte Folgestudie prüfte den Effekt in Text-Chats, Audio- und Video-Gesprächen und fand ihn in allen drei Formaten — ohne signifikante Unterschiede. Das bedeutet, dein Tinder-Match oder Hinge-Chat-Partner mag dich wahrscheinlich mehr, als du nach dem Gespräch annimmst.
- Warum zweifle ich nach einem Date immer so stark an mir selbst?
- Das ist ein normaler Negativitätsbias. Unser Gehirn gewichtet kritische Selbstwahrnehmung stärker als positive Signale von außen. Während du deine kleinen Ausrutscher im Gespräch durchgehst, hat dein Gegenüber sie oft gar nicht so registriert — die Person war damit beschäftigt, sich selbst zu beobachten.
- Was kann ich gegen den Liking Gap tun?
- Den Bias abschalten gelingt niemandem. Aber ihn zu kennen hilft. Wenn du nach einem Date oder Chat sicher bist, es lief schlecht, dann erinnere dich an den Liking Gap — und schick die Nachricht trotzdem. Die Forschung sagt, du bist fast immer besser angekommen, als du glaubst.
- Warum schreibe ich nicht, obwohl ich Interesse habe?
- Meistens ist es Angst vor Ablehnung — kombiniert mit dem Liking Gap. Du nimmst an, die andere Person sei nicht wirklich interessiert, weil du glaubst, du hast keinen guten Eindruck gemacht. Die Wahrscheinlichkeit ist aber groß, dass du viel besser angekommen bist als vermutet.