Chatfishing: Was passiert, wenn ChatGPT deine Flirt-Nachrichten schreibt

Prof. Lennart Ante hat 45 Singles interviewt, die ChatGPT für ihre Flirt-Nachrichten nutzen — oder solche Nachrichten bekommen haben. Sein Begriff für das Phänomen: Chatfishing. Er hat drei Muster gefunden, und das dritte ist das tückischste.

Junger Mann sitzt nachdenklich auf einer sonnigen Parkbank und schreibt eine Nachricht auf dem Handy
Den ersten Satz schreibt manchmal ChatGPT — und das erste Date macht dann sichtbar, was auf der Strecke geblieben ist. Foto: KI generiert Foto: KI generiert

Auf einen Blick: Wirtschaftswissenschaftler Prof. Lennart Ante hat untersucht, was passiert, wenn Menschen im Online-Dating ChatGPT ihre Flirt-Nachrichten schreiben lassen. Er nennt das „Chatfishing" — in Anlehnung an Cyrano de Bergerac, den literarischen Ghostwriter der Romantik. In 45 Interviews mit Sendern und Empfängern fand er drei Muster: Sender empfinden es kaum als Betrug. Empfänger schon. Und das erste Date verläuft schlechter, als beide erwartet hatten.

Cyrano de Bergerac ist eine Figur aus dem 19. Jahrhundert — der brillante Dichter und Duellant, der seinem schüchternen Freund Christian romantische Liebesbriefe schreibt, weil er selbst zu hässlich glaubt zu sein, um zu werben. Das Stück endet tragisch, weil die Geliebte sich in jemanden verliebt hat, der so nie existiert hat. Prof. Lennart Ante von der Constructor University in Bremen hat diese literarische Vorlage aufgegriffen — nicht als Reminiszenz, sondern als empirisches Forschungsthema.

Sein Begriff: Chatfishing. Die Praxis dahinter: Menschen tippen ihre Gedanken in ChatGPT, bekommen eine glattere, witzigere, eloquentere Version zurück — und schicken die ab. Manchmal ein Satz, manchmal das gesamte Gesprächsskript. Ante hat dazu 45 semi-strukturierte Interviews geführt: 23 mit Menschen, die KI für ihre Nachrichten nutzen, und 22 mit Menschen, die solche Nachrichten erhalten haben. Die Studie erschien im Juni 2026 im Peer-Reviewed-Journal Telematics and Informatics.

Wie verbreitet ist Chatfishing?

Antes eigene Studie war qualitativ — es ging ums Verstehen, nicht ums Messen. Aber er zitiert Branchenzahlen, die zeigen, wie schnell sich die Praxis ausbreitet: Rund 26 Prozent der US-Singles haben KI bereits in irgendeiner Form für ihr Liebesleben eingesetzt, mit einer Steigerung von mehr als 300 Prozent in einem Jahr. Und 6 von 10 Dating-App-Nutzenden glauben, schon einmal eine KI-generierte Nachricht erhalten zu haben.

Dass die Skepsis gegenüber KI im Dating gleichzeitig wächst, zeigt eine Erhebung von Match Group vom Juni 2026: 47 Prozent der befragten US-Singles stehen KI-Features in Dating-Apps negativ gegenüber. Wir haben diese Studie separat aufbereitet. Was sie nicht zeigt, ist das Innenleben der Praxis — das hat Ante untersucht.

Drei Muster aus 45 Interviews

Aufgeklappter Roman und Smartphone mit Chat-Interface auf Schreibtisch
Alte Liebeskunst, neue Mittel: Was sich verändert, wenn die Worte nicht mehr die eigenen sind.

Muster 1 — Prothesenhafte Authentizität. Die meisten KI-Nutzenden in Antes Studie sehen sich nicht als Betrüger. Sie erleben KI als eine Art Korrekturbrille für sich selbst — als Werkzeug, das ihre eigentlichen Gedanken besser ausdrückt als sie es spontan könnten. Ante nennt das „prosthetic authenticity": Die Substanz kommt von mir, die KI hilft nur mit der Form. Diese Selbstwahrnehmung ist subjektiv nachvollziehbar — aber die Empfängerseite sieht das oft anders.

Muster 2 — Verrat auf Empfängerseite. Wer solche Nachrichten bekommen und später erfahren hat, dass sie von ChatGPT stammten, beschreibt das Gefühl mit einem Wort: betrogen. Antes Studienteilnehmende sprachen von „violated", „duped", „catfished". Viele hatten längst begonnen, Nachrichten auf KI-Muster abzusuchen — übermäßige Kohärenz, zu perfekte Grammatik, unnatürliche Schlusssätze. Sie wurden unfreiwillig zu forensischen Linguisten.

Muster 3 — Die Performance-Lücke. Das ist das tückischste. KI schreibt bessere Nachrichten, als die meisten Menschen im echten Gespräch von sich geben können. Das erste Date entsteht auf Basis einer Erwartung, die das reale Gegenüber kaum einlösen kann — nicht weil die Person unangenehm wäre, sondern weil eine Persona entstanden ist, die schlicht nicht die Person ist. In Antes Interviews verliefen Dates, die auf KI-Konversationen basierten, messbar schlechter. Der Funke fehlte — oder entzündete sich an etwas ohne reale Grundlage.

Was das für Online-Dating bedeutet

Die Debatte, ob es unehrlich ist, KI für die eigene Darstellung zu nutzen, ist nicht neu. Profilfotos werden bearbeitet. Texte werden gegengelesen. Das Profil zeigt die beste Version des Ich, nicht den Alltag. Die Frage ist, ob KI-Nachrichten Optimierung oder Substitution sind.

Ein Satz, mit ChatGPT poliert, liegt näher am Editieren. Eine vollständige Konversation, die so klingt, wie man nie klingt, ist etwas anderes. Ante plädiert nicht für ein Verbot, sondern für Bewusstsein für den Unterschied — und dafür, dass das erste Date ehrlicher verläuft, wenn das, was dort sichtbar wird, in den Nachrichten schon vorhanden war.

Was bei der ersten Nachricht und beim Profil-Text am Ende zählt, ist die Frage, ob das Gegenüber einen Menschen kennenlernt oder ein Sprachmodell. Die KI kann helfen, das zu formulieren. Ersetzen kann sie es nicht.

Häufige Fragen

Was ist „Chatfishing"?
Der Begriff wurde von Prof. Lennart Ante (Constructor University) in seiner 2026 erschienenen Studie geprägt. Er beschreibt das Phänomen, dass Menschen im Online-Dating KI-Sprachmodelle wie ChatGPT nutzen, um ihre Flirt-Nachrichten zu schreiben oder zu überarbeiten — ohne das dem Gegenüber gegenüber offenzulegen.
Wie viele Singles nutzen KI für ihr Dating-Leben?
Laut Erhebungen, die Ante in seiner Studie zitiert, haben rund 26 Prozent der US-Singles KI bereits in irgendeiner Form für ihr Liebesleben eingesetzt. Dieser Anteil stieg innerhalb eines Jahres um mehr als 300 Prozent. 6 von 10 Dating-App-Nutzenden glauben außerdem, schon KI-generierte Nachrichten erhalten zu haben.
Warum ist das erste Date nach KI-Nachrichten oft enttäuschend?
Ante nennt das die „Performance-Lücke": KI erzeugt schlagfertigere, kohärentere Nachrichten, als die meisten Menschen spontan von sich geben könnten. Das erste Date findet dann mit einem Gegenüber statt, das hinter der Erwartung zurückbleibt — nicht weil die Person unangenehm wäre, sondern weil die KI eine Persona aufgebaut hat, die im realen Gespräch schwer einzulösen ist.
Ist es unehrlich, KI beim Schreiben von Dating-Nachrichten zu nutzen?
Ante unterscheidet: Wer KI nutzt, um eigene Gedanken klarer zu formulieren, betreibt Optimierung — ähnlich wie Rechtschreibprüfung. Wer eine vollständige Gesprächspersona aufbaut, die sich im realen Kontakt nicht zeigt, schadet langfristig dem eigenen Anliegen. Die entscheidende Frage ist, ob das Wesentliche — die Person selbst — noch erkennbar bleibt.
Quellen anzeigen
  • Ante, Lennart (2026): „The Cyrano effect: LLM-assisted impression management and authenticity in online dating." Telematics and Informatics, 108, 102422. doi.org/10.1016/j.tele.2026.102422
  • Blockchain Research Lab (15. Juni 2026): „New Research on the Societal Impact of Large Language Models: When AI writes Online Dating Messages." blockchainresearchlab.org
  • Match Group / Human Connection Hub (18. Juni 2026): „AI is everywhere. Romance is still off-limits." n=1.000, US-Singles 18–39. matchgroup-humanconnectionhub.com
  • Schneider, Stephan (LEADERSNET.de, 8. Juli 2026): „Wenn ChatGPT flirtet: Studie zeigt, wie KI das Online-Dating verändert." leadersnet.de