Dein Match ist eine KI: Wie Dating-Portale mit gefälschten Profilen abzocken
Du scrollst durch eine Dating-App, siehst ein Profil von jemandem, der nur ein paar Kilometer von dir entfernt wohnt, ein attraktives Foto, ein freundlicher Einstiegssatz. Du schreibst. Und du bekommst prompt und charmant Antworten. Erst Wochen später stellst du fest: Hinter dem Profil steckte niemand. Kein Mensch. Eine KI.
Das ist keine dystopische Science-Fiction — es ist die aktuelle Realität auf mehreren deutschen Dating-Portalen. Und die Verbraucherzentralen warnen jetzt erneut davor.
Wie die Masche funktioniert
Die Grundstruktur ist einfach und seit Jahren bekannt: Unseriöse Dating-Portale legen künstliche Profile an — früher bedient von bezahlten Mitarbeitenden (sogenannten Moderatoren oder Controllern), heute zunehmend von KI-Chatbots. Das Ziel ist dasselbe: den Nutzer so lange am Chatten zu halten, dass er Coins, Credits oder Premium-Abos kauft.
Was sich 2026 geändert hat, ist die Einstiegsstufe. Früher wurden die Fake-Profile direkt in der App angelegt. Heute beginnt die Masche schon in sozialen Netzwerken: KI-generierte Videos auf Facebook oder Instagram — ein attraktives Gesicht, eine weiche Stimme, ein persönlicher Monolog über Einsamkeit und Sehnsucht — locken Singles auf externe Portale. Dort startet dann das eigentliche Spiel.
Die Verbraucherzentrale hat das Muster analysiert: Nutzer kommunizieren dann nicht mit echten Partnersuchen, sondern mit Mitarbeitenden des Portals oder Chatbots. Ein Treffen ist von vornherein ausgeschlossen. Wer zahlt, zahlt dafür, mit jemandem zu schreiben, der kein Interesse an einer echten Beziehung hat.
Was die Gerichte dazu sagen
Das ist nicht nur unethisch — es ist rechtlich problematisch. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hat in den letzten Jahren mehrfach vor Gericht gewonnen.
Landgericht Berlin (Az. 16 O 62/21, rechtskräftig): Das Berliner Gericht gab einer Klage des vzbv gegen die Sllik GmbH statt, die das Portal icatched.de betrieben hatte. Auf der Plattform waren nach eigenen Angaben des Unternehmens mehr als 8.000 Profile nicht echt, sondern wurden von Mitarbeitenden moderiert. Das Gericht stellte klar: Ein Hinweis auf diese Praxis in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen reicht nicht aus. Nutzer müssen vor der Registrierung deutlich und prominent darüber informiert werden, dass hinter Profilen keine echten Partnersuchenden stecken. Der Grund: Wer sich auf einer Dating-Plattform anmeldet, geht davon aus, dort auf Menschen zu treffen, die ebenfalls eine echte Beziehung suchen. Diese berechtigte Erwartung darf nicht durch Kleingedrucktes unterlaufen werden.
Landgericht Flensburg (Az. 8 O 29/22, rechtskräftig): Das Flensburger Gericht entschied in einem vzbv-Verfahren gegen die PD Enterprice UG, die das Portal amourny betrieb, dass eine AGB-Klausel, die den Einsatz von Fake-Profilen erlaubte, grundsätzlich unzulässig ist. Das Gericht befand: Bei professionellen Chatpartnern ist von vornherein ausgeschlossen, dass sich aus dem Chat eine echte Bekanntschaft oder Beziehung entwickeln kann. Wer das Gegenteil bewirbt, täuscht die Nutzer. Nach einem Hinweisbeschluss des Schleswig-Holsteinischen OLG (6 U 72/22) zog das Unternehmen seine Berufung zurück — das Urteil wurde rechtskräftig.
Die Rechtslage ist damit klar: Fake-Profile ohne prominente Vorab-Information sind Irreführung. Trotzdem tauchen immer wieder neue Portale mit der gleichen Masche auf.
Woran du KI-Fakes erkennst
Das Tückische: KI-generierte Bilder und Videos werden schnell besser. Ganz unfehlbar ist kein Erkennungsmerkmal. Aber es gibt verlässliche Warnsignale.
Beim Video (z. B. als Social-Media-Reel) auf folgendes achten: Gesichtszüge, die nicht ganz zum restlichen Körper passen — etwa ein Gesicht, das heller ist als Hals und Schultern. Hände, die sich seltsam bewegen, während der Körper statisch bleibt. Eine Stimme, die unnatürlich flüssig und gleichmäßig klingt. Unklare oder verschwommene Hintergrundobjekte.
Beim Profil-Foto: Ein Rückwärts-Bildersuche über Google Images oder TinEye zeigt oft, ob das Foto aus einer Stockfoto-Datenbank stammt oder anderweitig im Netz auftaucht. Zu perfekte Fotos ohne irgendeinen "Alltagscharme" sind ebenfalls verdächtig. Echte Menschen haben oft ältere, leicht verwackelte Bilder dabei.
Beim Chat selbst: Eine Reaktionszeit, die verdächtig konstant ist — weder zu schnell noch zu langsam, tageszeitunabhängig. Anreden wie "Hey Süßer" ohne Kontext. Gespräche, die nie zu einem echten Treffen führen, aber immer wieder auf weitere Kaufoptionen lenken.
Was du tun kannst
Wenn du vermutest, Opfer einer solchen Masche geworden zu sein: Schau dir die AGB des Portals genau an — steht dort etwas von "Moderatoren", "iNutzern", "Controllern" oder ähnlichem? Dann ist Vorsicht angebracht.
Für echte Partnersuche lohnen sich etablierte Anbieter mit klaren Modellen: Bezahl-Portale wie Parship, ElitePartner oder LoveScout24 haben ihre Nutzerprofile zwar nicht gratis — aber sie sind echt. Stiftung Warentest hat diese Anbieter wiederholt vergleichend untersucht. Gratisangebote mit aggressivem Credit-System sind dagegen ein deutliches Warnsignal.
Mehr dazu, wie du dich generell beim Online-Dating schützt, findest du in unseren Beiträgen zu sicherem Online-Dating und zu Romance Scams. Wie aus der harmlosen Flirt-App ein echter Betrug wird, haben wir beim Pig Butchering erklärt. Und wer sich fragt, warum dieses Thema in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit bekommt: Unser Artikel zu KI und Vertrauen im Dating zeigt, wie tief die Skepsis gegenüber KI im Dating bereits verankert ist — und warum das absolut berechtigt ist.
Häufige Fragen
- Ist es legal, dass Dating-Portale KI-Fake-Profile einsetzen?
- Nein — zumindest nicht ohne klaren Hinweis vor der Registrierung. Das Landgericht Berlin (Az. 16 O 62/21) und das Landgericht Flensburg (Az. 8 O 29/22) haben beide entschieden, dass Hinweise in den AGB nicht ausreichen. Das Portal muss vor der Anmeldung deutlich auf künstliche Profile hinweisen.
- Wie erkenne ich, ob ein Dating-Profil KI-generiert ist?
- Typische Anzeichen sind: unnatürliche Schärfe oder Glätte im Gesicht, verzerrte Hände oder Hintergründe, zu perfekte Mimik, Stimmen die flüssig aber leicht maschinell klingen. Suche das Profilfoto per Rückwärts-Bildersuche (Google oder TinEye) — echte Fotos tauchen oft auf anderen Plattformen auf.
- Was kann ich tun, wenn ich Opfer einer Abzocke auf einem Dating-Portal geworden bin?
- Melde den Fall deiner regionalen Verbraucherzentrale und erstattet ggf. Anzeige. Bezahlungen über Kreditkarte können oft noch rückgebucht werden (Chargeback). Hebe alle Chatverläufe und Zahlungsbelege als Beweise auf.
- Welche Dating-Portale sind seriös?
- Etablierte Anbieter wie Parship, ElitePartner und LoveScout24 wurden von Stiftung Warentest vergleichsweise gut bewertet. Sie verlangen zwar Geld für die Vollnutzung, haben aber echte Nutzerprofile. Vergleiche gibt es in unserem Artikel zu den besten Dating-Apps.
Quellen anzeigen
- Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv): Dating-Portal muss deutlich auf Fake-Profile hinweisen — Urteil LG Berlin vom 27.01.2022, Az. 16 O 62/21 (rechtskräftig)
- Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv): Dating-Portal darf keine Fake-Profile verwenden — Urteil LG Flensburg vom 28.10.2022, Az. 8 O 29/22 (rechtskräftig nach OLG Schleswig-Holstein 2023)
- Michael Fuhr, teltarif.de (05.07.2026): Abzocke in Dating-Portalen: Traumpartner sind oft KI-Fakes