Grindr zahlt 30 Millionen Euro: Was der Datenskandal für alle Dating-App-Nutzer bedeutet

Person hält Smartphone mit Dating-App in der Hand, Datenschutz-Symbol im Hintergrund
Dating-Apps sammeln mehr sensible Daten, als vielen Nutzern bewusst ist Foto: KI generiert
Auf einen Blick: Die Dating-App Grindr hat sich auf einen Vergleich über 26 Millionen Pfund (rund 30 Millionen Euro) geeinigt. Grund: Britische Nutzer warfen der App vor, ohne ausreichende Einwilligung sensible Daten – darunter in einigen Fällen den HIV-Status – an Werbefirmen weitergegeben zu haben. Grindr bestreitet die Vorwürfe. Der Fall ist ein Warnsignal für alle, die Dating-Apps nutzen.

Wenn du eine Dating-App öffnest und dein Profil ausfüllst, gibst du mehr preis, als du vielleicht denkst. Alter, Standort, Beziehungsstatus, sexuelle Vorlieben – Dating-Apps sammeln Daten, die persönlicher kaum sein könnten. Was damit passiert, bleibt für die meisten Nutzer unsichtbar.

Der aktuelle Fall rund um Grindr macht dieses Dunkelfeld sichtbar.

Was ist passiert?

Die schwule und queere Dating-App Grindr hat sich diese Woche auf einen außergerichtlichen Vergleich über 26 Millionen Pfund geeinigt – umgerechnet rund 30 Millionen Euro. Damit will das Unternehmen eine Sammelklage von rund 12.000 britischen Nutzern beilegen, die vor dem High Court of England and Wales eingereicht wurde.

Der Vorwurf laut Klageschrift: Grindr soll bis Anfang 2020 Nutzerdaten ohne die erforderliche Einwilligung an Drittanbieter weitergegeben haben. Betroffen waren laut den Klägern unter anderem sensible Informationen wie der HIV-Status sowie das Datum des letzten HIV-Tests, präzise GPS-Standortdaten, die sexuelle Ausrichtung, die ethnische Zugehörigkeit und die Beziehungssituation der Nutzer. Die Daten sollen an die Analysefirmen Localytics und Apptimize geflossen sein.

Grindr bestreitet die Vorwürfe ausdrücklich. Das Unternehmen erklärt: „Der Vergleich beinhaltet keine Feststellungen und kein Schuldeingeständnis." Gleichzeitig erkenne man den „Vertrauensverlust und die Belastung" an, die einige britische Nutzer im Zusammenhang mit dem Zeitraum vor 2020 erlebt hätten.

Die Zahlung erfolgt in zwei Tranchen: 13 Millionen Pfund bis Ende 2026, weitere 13 Millionen Pfund bis Ende März 2027. Auf die rund 12.000 Kläger entfielen damit im Schnitt etwa 2.167 Pfund pro Person – sofern die Summe gleichmäßig verteilt wird. Wie genau verteilt wird, ist bislang nicht öffentlich.

Wie kam der Datenschutzvorwurf ans Licht?

Die Wurzel des Falls reicht ins Jahr 2018 zurück. Forscher des norwegischen Instituts SINTEF untersuchten im Auftrag des schwedischen Senders SVT, welche Daten Grindr an externe Dienste übertrug. Ihr Ergebnis war eindeutig: Die App schickte in einigen Fällen Nutzerdaten wie den HIV-Status zusammen mit GPS-Koordinaten, Geräte-ID und E-Mail-Adresse an die Analyseanbieter Apptimize und Localytics. In der Kombination ließen sich daraus konkrete Personen identifizieren.

Nach der Veröffentlichung dieser Erkenntnisse kündigte Grindr im April 2018 an, die HIV-Datenweitergabe zu beenden.

Damit war das Thema aber nicht erledigt. 2021 verhängte die norwegische Datenschutzbehörde Datatilsynet eine Geldbuße von 65 Millionen Norwegischen Kronen (rund 6,5 Millionen Euro) gegen Grindr. Das Berufungsgericht Borgarting bestätigte die Strafe am 21. Oktober 2025: Grindr habe keine wirksame Einwilligung für die Weitergabe an Werbepartner gehabt – und allein die Information, dass jemand Grindr nutzt, sei eine besonders geschützte Angabe über die sexuelle Orientierung.

Damals gehörte Grindr noch dem chinesischen Unternehmen Beijing Kunlun Tech. Inzwischen ist die App in den Händen eines internationalen Investorenkreises.

Warum ist das für alle Dating-App-Nutzer relevant?

Grindr ist eine spezifische App für ein spezifisches Publikum. Doch das strukturelle Problem, das dieser Fall aufzeigt, betrifft jeden, der eine Dating-App nutzt – egal ob Tinder, Bumble, Parship oder eine andere Plattform.

Dating-Apps sammeln von Natur aus sehr sensitive Daten: Wer du bist, wen du attraktiv findest, wo du dich aufhältst, was du dir von Beziehungen erhoffst. Diese Daten haben für Werbenetzwerke und Analysefirmen einen hohen Wert. Viele Apps integrieren solche Drittanbieter im Hintergrund – für Nutzeranalyse, Fehlertracking oder Personalisierung.

Was genau dabei mit welchen Daten passiert, steht zwar in der Datenschutzerklärung. Gelesen hat die kaum jemand.

Der Grindr-Fall macht deutlich: Selbst wenn Daten innerhalb einer App als „privat" gelten, können sie über technische Schnittstellen (SDKs, Analytics-Integrationen) nach außen gelangen – auch ohne bewusste Entscheidung der Nutzer.

Was kannst du konkret tun?

Du musst kein Tech-Experte sein, um dich besser zu schützen. Ein paar einfache Schritte helfen:

Datenschutzeinstellungen aktiv nutzen. Die meisten Apps erlauben es, personalisierte Werbung und Datenanalyse abzulehnen. Diese Optionen findest du meist unter Einstellungen → Datenschutz. Sie sind selten aktiviert, aber vorhanden.

Sensible Angaben bewusst dosieren. Profildaten wie Gesundheitsinformationen sind für Dating-Apps nicht notwendig. Was du nicht angibst, kann nicht weitergegeben werden.

Standortgenauigkeit einschränken. Viele Apps brauchen deinen ungefähren Standort, nicht deine exakte Adresse. In den Systemeinstellungen deines Handys kannst du die Standortgenauigkeit für einzelne Apps begrenzen oder nur bei Nutzung der App freigeben.

Berechtigungen regelmäßig prüfen. Welche Apps haben dauerhaften Zugriff auf deinen Standort, dein Mikrofon oder deine Kontakte? Ein kurzer Check in den Handy-Einstellungen kann überraschen.

Mehr Hintergrund zu sicherem Umgang mit Dating-Apps findest du in unserem Artikel zu sicherem Online-Dating.

Häufige Fragen

Was hat Grindr konkret mit Nutzerdaten gemacht?
Laut der Klageschrift soll Grindr bis Anfang 2020 sensible Nutzerdaten – darunter in einigen Fällen der HIV-Status sowie das Datum des letzten Tests, der genaue GPS-Standort, sexuelle Ausrichtung und ethnische Zugehörigkeit – an Drittanbieter wie die Analysefirmen Localytics und Apptimize weitergegeben haben. Grindr bestreitet die Vorwürfe und erkennt keine Haftung an.
Gilt das nur für Grindr oder für alle Dating-Apps?
Der Fall betrifft konkret Grindr, zeigt aber ein systemisches Problem: Dating-Apps sammeln besonders sensible Daten (Sexualität, Gesundheit, Standort, Beziehungsstatus) und integrieren häufig Drittanbieter für Analyse und Werbung. Studien von Privacy International und anderen Organisationen zeigen, dass ähnliche Datenweitergaben auch bei anderen Apps vorkommen.
Wie viel zahlt Grindr, und wer bekommt das Geld?
Grindr zahlt insgesamt 26 Millionen Pfund (rund 30 Millionen Euro) in zwei Tranchen: 13 Millionen Pfund bis Ende 2026 und weitere 13 Millionen Pfund bis Ende März 2027. Das Geld geht an rund 12.000 britische Nutzer, die an der Sammelklage beteiligt waren – rechnerisch im Schnitt etwa 2.167 Pfund pro Person, sofern die Summe gleichmäßig verteilt wird.
Was kann ich tun, um meine Daten auf Dating-Apps besser zu schützen?
Achte auf diese Punkte: (1) Lese die Datenschutzeinstellungen jeder App durch und deaktiviere unnötige Tracking-Optionen. (2) Gib nur die Informationen an, die für das Dating wirklich nötig sind – besonders sensible Angaben wie Gesundheitsdaten eher mündlich klären. (3) Nutze bei Bedarf eine VPN-App für zusätzliche Standortprivatsphäre. (4) Prüfe regelmäßig, welche Apps auf deinem Handy im Hintergrund aktiv sind.
Quellen anzeigen
  • PinkNews: „Grindr to pay out £26million settlement in lawsuit over sharing HIV status info" (07.09.2026) – thepinknews.com
  • The Register: „Grindr pays £26M to settle UK privacy class action" (08.09.2026) – theregister.com
  • The Hacker News: „Grindr to Pay £26 Million to Settle U.K. Claims Over HIV Status Data Sharing" (2026) – thehackernews.com
  • SINTEF / GitHub: Rohdaten und Bericht zu Datenschutzmängeln in Grindr (2018) – github.com/SINTEF-9012/grindr-privacy-leaks
  • Datatilsynet (Norwegen), 21.10.2025: „The Court of Appeal upholds the fine against Grindr" – datatilsynet.no
  • IT Boltwise: „Grindr stimmt Vergleich über 26 Millionen Pfund bei Datenschutzvorwürfen zu" (08.09.2026) – it-boltwise.de