Neue Bundesuntersuchung: So häufig ist Gewalt in deutschen Partnerschaften
Fast jede fünfte Frau erlebt in einer Partnerschaft körperliche Gewalt. Das Ausmaß bleibt im Verborgenen — über 95 Prozent der Fälle landen nie bei der Polizei. Eine neue Bundesuntersuchung macht es erstmals sichtbar.
- Die erste repräsentative Dunkelfeldstudie Deutschlands (LeSuBiA, Februar 2026, n=15.000+) zeigt: 18 % der Frauen haben körperliche Partnerschaftsgewalt erlebt, 48,7 % psychische.
- Über 95 % aller Fälle werden nie angezeigt — das reale Ausmaß liegt weit über der Polizeistatistik.
- Psychische Gewalt (Kontrolle, Abwertung, Isolation) geht körperlicher fast immer voraus — und lässt sich früh erkennen.
- Hilfe: Hilfetelefon 116 016 (kostenlos, 24/7, anonym), hilfetelefon.de
„Das Dunkelfeld bei partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt ist riesig. Gewalt ist kein Randphänomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land." Das sagte Bundesfamilienministerin Karin Prien bei der Vorstellung einer Untersuchung, die es so in Deutschland noch nicht gegeben hatte.
Die Studie heißt LeSuBiA — „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag" — und wurde am 10. Februar 2026 gemeinsam vom Bundeskriminalamt (BKA), dem Bundesfamilienministerium und dem Bundesinnenministerium veröffentlicht. Mehr als 15.000 Menschen wurden befragt. Das Ergebnis zeigt ein Ausmaß, das in der öffentlichen Wahrnehmung weit unterschätzt wird.
Was die Studie konkret zeigt
18 Prozent der Frauen haben im Laufe ihres Lebens körperliche Gewalt durch einen Partner oder Ex-Partner erlebt. Das klingt wie eine abstrakte Zahl — aber das ist fast jede fünfte Frau.
Zum Vergleich: Bei Männern liegt der Anteil bei 14 Prozent. Auch das ist nicht wenig. Der Unterschied zeigt sich vor allem bei Schwere, Häufigkeit und Art der Übergriffe.
Die Zahlen nach Gewaltform in den letzten fünf Jahren:
- Psychische Gewalt (Bedrohungen, Kontrolle, Erniedrigung): 48,7 % der Frauen, 40 % der Männer
- Sexuelle Belästigung: 36,3 % der Frauen, 16,3 % der Männer
- Digitale Gewalt und Stalking: 20 % der Frauen, 13,9 % der Männer
- Vergewaltigung: 1,5 % der Frauen, 0,2 % der Männer
Ein zentraler Befund der Studie: Rund 90 Prozent der körperlichen Gewalt ereignete sich innerhalb laufender Partnerschaften — nicht nach der Trennung. Die Täterinnen und Täter sind also Menschen, mit denen man den Alltag teilt.
Das Dunkelfeld: Warum fast nichts ans Licht kommt
Weniger als fünf Prozent aller Gewalterfahrungen in Partnerschaften werden bei der Polizei gemeldet. Bei psychischer Gewalt liegt die Anzeigequote sogar unter drei Prozent.
Das bedeutet: Jede Polizeistatistik zur Partnerschaftsgewalt zeigt bestenfalls ein Zwanzigstel der Realität.
Warum die Zahlen so niedrig sind, lässt sich aus der Forschung gut erklären: Viele Betroffene empfinden Scham, fürchten, nicht geglaubt zu werden, sind finanziell oder emotional abhängig, haben gemeinsame Kinder — oder hoffen schlicht, dass es besser wird. Der sozialwissenschaftliche Gewaltbegriff der LeSuBiA-Studie ist zudem weiter gefasst als der juristische; er erfasst auch Handlungen, die strafrechtlich nicht eindeutig einzuordnen sind, aber trotzdem Schaden anrichten.
Was das für die Partnersuche bedeutet
Körperliche Gewalt entsteht fast nie plötzlich. Psychische Muster — systematische Kontrolle, Abwertung, sozialer Rückzug, eskalierende Eifersucht — gehen ihr in aller Regel voraus. Das ist kein Klischee, sondern dokumentierter Verlauf aus der Beziehungsforschung.
Das heißt für die frühe Phase des Kennenlernens: Bestimmte Verhaltensweisen, die sich als „Fürsorge" oder „Intensität" anfühlen können, sind manchmal frühe Warnsignale. Wer jemanden in den ersten Wochen vom Freundeskreis fernhält, extreme Kontrolle über Standort oder Handyinhalt ausübt oder starke Stimmungsschwankungen zeigt, zeigt Muster, die man ernst nehmen sollte — egal, wie stark die Anziehung gerade ist.
Red Flags beim Dating lassen sich in vielen Fällen früh erkennen. Auch die eigenen Bindungsstile spielen eine Rolle: Wer auf ängstlich-vermeidende Signale reagiert, kann leichter in Dynamiken geraten, die langfristig schaden.
Eine separate Parship-Befragung aus dem Jahr 2021 gibt einen Hinweis auf die Verbreitung solcher Erfahrungen: 36 Prozent der Deutschen — darunter 41 Prozent der Frauen und 31 Prozent der Männer — gaben an, schon einmal eine Beziehung erlebt zu haben, die sie selbst als toxisch einschätzten.
Das soll keine Paranoia erzeugen. Die LeSuBiA-Studie zeigt ein großes Dunkelfeld — aber auch, dass Muster erkennbar sind. Und dass es Anlaufstellen gibt.
Wo du Hilfe findest
Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" ist rund um die Uhr unter 116 016 erreichbar — kostenlos, auf Wunsch anonym, in 17 Sprachen. Auch Angehörige und Fachkräfte können anrufen. Online: hilfetelefon.de
Für betroffene Männer gibt es das Männer-Hilfetelefon unter 0800 123 99 00 (kostenlos, Mo–Do 8–20 Uhr, Fr 8–15 Uhr). Online: maennerhilfetelefon.de
Im akuten Notfall: 110.
Häufige Fragen
- Was ist die LeSuBiA-Studie?
- LeSuBiA steht für „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag". Es ist die erste geschlechterübergreifende, repräsentative Dunkelfeldstudie zu partnerschaftlicher Gewalt in Deutschland, veröffentlicht am 10. Februar 2026. Herausgegeben vom Bundeskriminalamt (BKA), dem Bundesfamilienministerium und dem Bundesinnenministerium. Über 15.000 Menschen wurden befragt.
- Wie viele Frauen erfahren in Partnerschaften Gewalt?
- 18 Prozent der befragten Frauen gaben an, im Laufe ihres Lebens körperliche Gewalt durch einen (Ex-)Partner erlebt zu haben. Bezogen auf psychische Gewalt in den letzten fünf Jahren liegt der Anteil sogar bei 48,7 Prozent — also fast jede zweite Frau.
- Warum werden so wenige Fälle angezeigt?
- Weniger als fünf Prozent aller Partnerschaftsgewalt-Erfahrungen werden bei der Polizei gemeldet. Bei psychischer Gewalt liegt die Anzeigequote unter drei Prozent. Gründe sind unter anderem Scham, Abhängigkeit, Angst vor Konsequenzen und die Hoffnung auf Veränderung.
- Wohin können Betroffene sich wenden?
- Das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" ist unter 116 016 rund um die Uhr, kostenlos und auf Wunsch anonym erreichbar. Auch Chat- und E-Mail-Beratung in 17 Sprachen gibt es unter hilfetelefon.de. Im Notfall: 110.
Quellen anzeigen
- Bundeskriminalamt (BKA), Bundesfamilienministerium, Bundesinnenministerium (10. Februar 2026): „LeSuBiA — Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag", Dunkelfeldstudie Band I, n=15.000+. bka.de
- ZDF heute (10. Februar 2026): „Studie zu partnerschaftlicher Gewalt: Frauen stärker betroffen." zdfheute.de
- Parship (2021): „Wenn die Liebe giftig ist" — Studie zu toxischen Beziehungen, n=1.031. parship.de
- Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: hilfetelefon.de