Überraschende Studie: Menschen mit unsicherem Bindungsstil haben mehr Kinder
Sichere Bindung gilt als Ideal der Psychologie. Stabiler, kommunikativer, beziehungsfähiger. Aber eine neue Großstudie zeigt: Beim Thema Kinder scheint der statistische Vorteil auf einer ganz anderen Seite zu liegen.
Auf einen Blick: Eine Studie mit 15.120 Menschen aus Japan, Kanada und den USA zeigt: Ängstlich gebundene und ängstlich-vermeidend gebundene Personen haben im Schnitt mehr Kinder als sicher gebundene. In Japan weicht das Muster für sichere Bindung ab — dort spielen kulturelle Faktoren eine stärkere Rolle. Die Studie misst Kinderzahl, keine Beziehungsqualität, und die Effektgrößen sind gering.
Sicher gebunden sein gilt in der Psychologie seit Jahrzehnten als das, was man anstrebt. Stabilere Partnerschaften, bessere Kommunikation, weniger Streit, mehr Vertrauen. Wer als Kind verlässliche Bezugspersonen hatte, trägt dieses Muster in die eigenen Beziehungen.
Dann kommt eine neue Studie und stellt eine unerwartete Frage: Was, wenn unsichere Bindungsstile in mindestens einer Hinsicht einen anderen Verlauf nehmen — nämlich wenn man die Kinderzahl betrachtet?
Was die Studie gemessen hat
Ein Forschungsteam um die Psychologin Maryanne L. Fisher von der Saint Mary's University in Halifax hat Daten von genau 15.120 Personen ausgewertet. Je 5.040 Teilnehmende kamen aus Japan, Kanada und den USA, gleichmäßig nach Geschlecht und fünf Altersgruppen (von den Zwanzigern bis 60+) aufgeteilt.
Die Studie erschien im April 2026 im International Journal of Psychology, der peer-reviewten Fachzeitschrift der International Union of Psychological Science (DOI: 10.1002/ijop.70214, Open Access).
Gemessen wurde zweierlei: erstens der Bindungsstil (über einen standardisierten Fragebogen mit vier Beschreibungen), zweitens die tatsächliche Anzahl biologischer Kinder — sowie der Wunsch, wie viele Kinder man haben möchte.
Das überraschende Ergebnis
Über alle drei Stichproben zusammen gerechnet waren ängstlich-präokkupierter und ängstlich-vermeidender Bindungsstil positiv mit der Kinderzahl verbunden: Menschen mit diesen Mustern hatten im Schnitt mehr Kinder. Rechnet man die Länder einzeln, ist der Zusammenhang jeweils zu schwach, um statistisch abgesichert zu sein — er zeigt sich erst im Gesamtmodell. Und die Effekte sind klein: Die Kinderzahl steigt je Skalenpunkt um rund vier bis fünf Prozent.
Für sicher gebundene Menschen zeigte sich das Gegenteil: In Kanada und den USA hing sichere Bindung mit weniger Kindern zusammen. „Das bedeutet, dass Bindungsstile, die wir tendenziell als weniger wünschenswert einordnen, nicht zwangsläufig reproduktive Nachteile mit sich bringen", erklärte Fisher gegenüber dem Fachmagazin PsyPost.
Kurz gesagt: Wer laut Psychologie den „bessereren" Bindungsstil hat, hat statistisch gesehen weniger Kinder — zumindest in Nordamerika.
Warum Japan anders ist
Japan ist der interessante Ausreißer. Dort zeigte sich für sichere Bindung kein signifikanter Zusammenhang mit der Kinderzahl — weder positiv noch negativ. Der Effekt fehlt einfach.
Die Forschenden erklären das mit der besonderen Situation in Japan: Kollektivistische Werte, intensiver wirtschaftlicher Druck und strukturell späte Elternschaft. In einem solchen Umfeld dominieren gesellschaftliche Faktoren — Bindungsmuster treten dahinter zurück.
Das Ergebnis ist kein Argument gegen sichere Bindung. Es zeigt, dass kultureller Kontext bestimmt, wie stark oder schwach sich innere Beziehungsmuster überhaupt auswirken.
Was das mit Bindungsstilen zu tun hat
Für alle, die den Begriff noch nicht kennen: Bindungsstile sind Muster, die sich früh herausbilden — in der Regel durch Erfahrungen mit Bezugspersonen in der Kindheit. Sie beeinflussen, wie wir als Erwachsene in Partnerschaften reagieren.
Es gibt vier Grundtypen:
- Sicher: positives Bild von sich selbst und anderen, gute Kommunikation, stabile Partnerschaften
- Ängstlich-präokkupiert: starkes Bedürfnis nach Bestätigung durch andere, abhängige und konflikttendente Beziehungen
- Ängstlich-vermeidend (fearful): negatives Bild von sich selbst und anderen, Angst vor Ablehnung, Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen
- Vermeidend-dismissiv: emotionale Distanz, Selbstgenügsamkeit, Vermeidung tiefer Bindungen
Die Studie zeigte, dass ängstlich-präokkupierter und ängstlich-vermeidender Typ mit mehr Kindern assoziiert waren. Der vermeidend-dismissive Typ spielte keine konsistente Rolle über die drei Länder.
Was das für Singles bedeutet — und was nicht
An dieser Stelle lohnt ein Innehalten. Denn der Befund klingt zugespitzter, als er ist.
Erstens: Die Studie misst Kinderzahl — kein Maß für Beziehungsglück, Partnerschaftsqualität oder persönliche Zufriedenheit. Unsichere Bindungsstile gehen in der Psychologie generell mit mehr Beziehungsstress, mehr Konflikten und geringerer emotionaler Stabilität einher. Das ändert sich durch diese Studie nicht.
Zweitens: Bei einem Datensatz von 15.120 Personen werden auch sehr kleine Effekte statistisch signifikant. „Leserinnen sollten die praktische Bedeutsamkeit getrennt von der statistischen bewerten", mahnt Fisher. Es handelt sich um allgemeine Tendenzen, keine starken Prädiktoren für das Leben einer einzelnen Person.
Drittens: Die Studie ist korrelativ und querschnittlich — sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Ein unsicherer Bindungsstil macht nicht mehr Kinder. Es kann eine dritte Variable geben, die beides beeinflusst.
Was bleibt: Ein Hinweis, dass Psychologie-Ratschläge manchmal komplizierter sind als ihr Ruf. Dass „sicher gebunden sein" als Ziel wichtig bleibt — aber dass das Leben in unsicherer Bindung nicht automatisch ärmer ist, nur weil es anders ist. Und dass Kultur, Kontext und Lebensumstände bestimmen, wie stark ein inneres Muster überhaupt zum Tragen kommt.
Der eigene Bindungsstil zu kennen, ist trotzdem nützlich — nicht als Schicksal, sondern als Startpunkt. Was uns dazu gebracht hat, wie wir uns in Beziehungen verhalten, lässt sich verstehen. Und was sich verstehen lässt, lässt sich oft auch verändern.
Häufige Fragen
Häufige Fragen
- Was ist ein Bindungsstil und woher kommt er?
- Bindungsstile sind Muster, die sich in früher Kindheit durch Erfahrungen mit Bezugspersonen herausbilden. Es gibt vier Grundtypen: sicher, ängstlich-präokkupiert, ängstlich-vermeidend und vermeidend-dismissiv. Sie beeinflussen, wie wir in Beziehungen reagieren — aber sie sind nicht unveränderlich. Therapie und bewusste Arbeit an sich selbst können Bindungsmuster im Laufe des Lebens verschieben.
- Bedeutet die Studie, dass unsichere Bindung im Dating ein Vorteil ist?
- Nein. Die Studie misst ausschließlich die Anzahl biologischer Kinder — kein Maß für Beziehungsqualität, Zufriedenheit oder persönliches Glück. Unsichere Bindungsstile gehen laut psychologischer Forschung generell mit mehr Konflikten, weniger emotionaler Stabilität und höherem Beziehungsstress einher. Der Zusammenhang mit der Kinderzahl ist interessant, sagt aber nichts über die Qualität von Partnerschaften aus.
- Gilt der Befund auch für Menschen in Deutschland?
- Die Studie wurde in Japan, Kanada und den USA durchgeführt — alle drei sind hoch industrialisierte, westlich geprägte Gesellschaften. Ob und wie stark der Effekt in Deutschland gilt, ist nicht belegt. Die Forschenden selbst fordern Folgestudien in kulturell vielfältigeren Kontexten.
Quellen anzeigen
- Fisher, M. L., Wade, T. J., Komatsu, H., Tanaka, N., Kubota, H., Burch, R., Salmon, C., & Widman, D. (2026). Attachment bonds and baby booms: A cross-cultural study of reproductive success. International Journal of Psychology, 61(3). https://doi.org/10.1002/ijop.70214
- Dolan, E. W. (2026, 28. Juni). People with insecure relationship habits tend to have more children, study finds. PsyPost. https://www.psypost.org/people-with-insecure-relationship-habits-tend-to-have-more-children-study-finds/
- Spektrum der Wissenschaft (2026). Kindheit: Der Bindungsstil beeinflusst womöglich, wie viele Kinder jemand will. https://www.spektrum.de/news/wie-bindungsstil-und-kinderwunsch-zusammenhaengen-ist-ueberraschend/2330206