Studie: Ängstlich Gebundene behandeln ihr Smartphone wie einen Partner

Person sitzt abends allein auf dem Sofa und schaut auf ihr Smartphone, warmes Lampenlicht
Wer Nähe braucht, aber Ablehnung fürchtet, sucht Halt oft auch im Gerät. Foto: KI generiert
Auf einen Blick: Eine Studie mit 341 Erwachsenen (BMC Psychology, 2023) zeigt: Menschen mit ängstlichem Bindungsstil entwickeln eine stärkere emotionale Bindung ans Smartphone. Das Gerät wird zur Zuflucht – die Autoren deuten das als Versuch, Einsamkeit und Unsicherheit zu regulieren, ähnlich wie man sich an eine Bezugsperson wendet. Bei Singles schlägt ängstliche Bindung stärker auf Selbstwert und Abhängigkeitsmuster durch; die intensivere Handy-Nutzung selbst zeigte sich aber vor allem bei Menschen in einer Beziehung. Die Studie zeigt Zusammenhänge, keine Ursache-Wirkungs-Kette.

Wer seinen Bindungsstil kennt, kennt ihn oft auch aus dem Dating. Die Angst vor Ablehnung. Das ständige Nachschauen, ob eine Nachricht angekommen ist. Das Grübeln, was ein später Zeitstempel bedeutet. Das sind Muster, die sich für ängstlich gebundene Menschen wie eine zweite Natur anfühlen können. Eine aktuelle Studie aus dem Fachjournal BMC Psychology zeigt jetzt: Diese Muster hören offenbar nicht bei der WhatsApp-Nachricht auf. Das Gerät selbst übernimmt eine emotionale Funktion – die eines Trostspenders, der immer verfügbar ist.

Was die Forscher untersucht haben

Ein internationales Forschungsteam um die klinische Psychologin Emanuela S. Gritti (Universität Milano Bicocca und Universität Urbino Carlo Bo) befragte 341 Erwachsene aus Italien zwischen 18 und 77 Jahren (Durchschnittsalter 35,5 Jahre, 57,2 % Frauen) mithilfe standardisierter Fragebögen. Erhoben wurden der persönliche Bindungsstil, das Selbstwertgefühl, zwischenmenschliche Abhängigkeitsmuster, die Fähigkeit zur Emotionsverarbeitung sowie die emotionale Bindung ans Smartphone und die Intensität der Social-Media-Nutzung. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal BMC Psychology.

Warum das Handy zum emotionalen Ersatz wird

Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Menschen mit ängstlichem Bindungsstil – also jene, die intensiv nach Nähe suchen, aber Ablehnung besonders fürchten – entwickelten eine stärkere emotionale Bindung an ihr Smartphone. Sie erlebten das Gerät stärker als „Zuflucht“ und nutzten soziale Netzwerke intensiver. Die Autoren deuten das so: Das Handy wird vor allem in Momenten des Alleinseins eingesetzt, um unangenehme Gefühle wie Einsamkeit oder Langeweile zu dämpfen – und um sich der Erreichbarkeit anderer zu versichern.

Das Gerät übernimmt dabei, so formulieren es die Autoren, die Funktion eines „significant other" – eines emotionalen Objekts, an das man sich in schwierigen Momenten klammert. Aus Sicht der Bindungstheorie ist das plausibel: Das Grundbedürfnis nach emotionaler Anbindung richtet sich nicht nur auf Menschen, sondern kann sich auch auf Objekte übertragen – besonders auf solche, die jederzeit verfügbar sind und sofortigen Kontakt versprechen.

Interessant: Die Autoren berichten, dass dieser Zusammenhang bei der Social-Media-Nutzung sowohl bei Singles als auch bei Menschen in einer Beziehung auftrat. Das Smartphone ersetzt demnach weniger den tatsächlich abwesenden Partner als vielmehr das Gefühl von Sicherheit und Anbindung generell.

Was das speziell für Singles bedeutet

Bei Singles wirkte sich ängstliche Bindung stärker auf die Zwischenschritte aus als bei Menschen in einer Beziehung: Ängstlich gebundene Singles neigten laut Studie stärker dazu, andere für Entscheidungen und emotionale Unterstützung in die Pflicht zu nehmen, hatten mehr Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu benennen, und einen niedrigeren Selbstwert. Der direkte Zusammenhang zwischen ängstlicher Bindung und intensiver Handy-Nutzung war dagegen bei Menschen in einer Beziehung stärker – die Autoren vermuten, dass sie das Gerät nutzen, um mit dem Partner in Verbindung zu bleiben und ihre Unsicherheit zu beruhigen.

Das passt zu dem, was viele aus dem Dating kennen: Das zwanghafte Öffnen der App, das Warten auf ein Match als Bestätigungssignal, die Erleichterung beim Ton einer eingehenden Nachricht. Für ängstlich gebundene Singles kann das Smartphone zur einzigen verlässlichen Konstante werden, wenn echte Nähe sich unsicher anfühlt. Diese Dynamik kann Bindungsangst in der Kennenlernphase deutlich verstärken.

Close-up von Händen, die ein Smartphone mit unscharfem Chat-Verlauf halten, warmes Küchenlicht.
Das Handy verspricht sofortige Verbindung – für ängstlich Gebundene kann das zur emotionalen Falle werden.

Ein anderer Befund der Studie: Singles mit hohem Selbstwert nutzen Social Media ebenfalls intensiver – aber offenbar aus einem anderen Grund. Hier geht es der Studie zufolge eher um Selbstdarstellung und Identitätsentwicklung, nicht um Angstregulation. Zwei sehr unterschiedliche Motivationen, die sich äußerlich ähnlich sehen können.

Was bedeutet das – und was nicht

Die Hauptautorin Gritti bringt es auf den Punkt: „People might differ in how they ‘bond’ with their smartphone based on their interpersonal style (e.g., how they manage distance and closeness in relationships) and this will have an effect on how and with which intensity they will use it.“ Es geht nicht nur darum, wie oft jemand das Gerät nutzt, sondern warum und mit welcher emotionalen Qualität.

Wer sich in diesem Muster wiedererkennt, muss das nicht als Diagnose lesen. Erstens zeigt die Studie Korrelationen, keine Kausalität: Ängstliche Bindung führt nicht automatisch zu problematischer Handynutzung. Zweitens basieren alle Angaben auf Selbstauskunft – wie intensiv Menschen ihr Gerät tatsächlich nutzen, wurde nicht objektiv gemessen.

Was die Studie aber nahelegt: Wer unter seiner Geräteabhängigkeit leidet, profitiert möglicherweise weniger davon, einfach den Bildschirm zu sperren, als davon, das Bindungsmuster dahinter anzuschauen. Das Handy ist in diesem Fall Symptom, nicht Ursache. Und das ist ein Unterschied, der zählt.

Häufige Fragen

Was ist ein ängstlicher Bindungsstil?
Menschen mit ängstlichem Bindungsstil sehnen sich intensiv nach Nähe, fürchten aber gleichzeitig Ablehnung und Verlassenwerden. Sie suchen viel Bestätigung und reagieren empfindlich auf Signale in Beziehungen – ein Muster, das früh in der Kindheit entsteht.
Warum nutzen ängstlich gebundene Menschen ihr Smartphone intensiver?
Die BMC-Psychology-Studie (Gritti et al., 2023, n=341) zeigt, dass ängstlich gebundene Menschen ihr Smartphone stärker als „Zuflucht“ erleben und soziale Netzwerke intensiver nutzen. Die Autoren deuten das so: Das jederzeit verfügbare Gerät wird eingesetzt, um Gefühle wie Einsamkeit und Unsicherheit zu dämpfen – ähnlich wie man sich an eine Bezugsperson wendet.
Hat der Bindungsstil Einfluss auf die Dating-App-Nutzung?
Eine kanadische Befragungsstudie (Chin, Edelstein & Vernon, 2019) fand, dass Menschen mit stärker ängstlicher Bindung eher angaben, Dating-Apps zu nutzen, während vermeidend Gebundene seltener dazu griffen. Über die Intensität der Nutzung sagt das nichts – und das Muster passt zu dem, was die BMC-Studie für Smartphones insgesamt zeigt.
Bedeutet intensive Smartphone-Nutzung automatisch einen ängstlichen Bindungsstil?
Nein. Die Studie zeigt Zusammenhänge, keine Kausalität. Nicht jede intensive Nutzung ist Ausdruck einer Bindungsproblematik. Außerdem basiert die Studie auf Selbstauskunft – tatsächliche Nutzungszeiten wurden nicht objektiv gemessen.
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